Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

Amstettner Bote, 26. 6. 1948

Feuergarben und Rauchschwaden über der Stadt Haag

Freud und Leid um die Haager Kirche

Wer hätte beim zweiten Glockenweihfest am 6. Juni, als namenlose Freude alle Herzen beseligte, zu denken gewagt, daß 10 Tage später dieselben Herzen in zager Bangnis schlagen würden unter der Wucht eines schicksalsschweren Ereignisses? 6. Juni 1948, 18. Juni 1948 — zwei ragende Marksteine in der Geschichte, Haags Tag der jauchzenden Freude — Tag des unfaßlichen Leides!

Glockenweihe am 6. Juni: Frohe Menschen, die mit Ergriffenheit den Zeremonien der Weihe folgen, die Prälat Laaber, Dompfarrer von St. Pölten, vornimmt, die voll Andacht lauschen, da ihr früherer Kaplan Hochw. Entner ihnen mit markigen Worten die Bedeutung ihrer neuen Glocken in seiner Festpredigt in Herz und Erinnern meißelt, die aufnahmebereit hören was ihnen ihre neuen Glocken durch Kindermund zu sagen haben und überzeugungsvoll den Schwur in ihren Herzen bekräftigen, denn an ihrer Statt ein Mädchen spricht, die fromm der hl. Messe folgen, die andachtsvoll abends "ihre" neuen Glocken zum erstenmal erklingen hören. Dazu ein Wetter, daß einem das Herz lachen muß, alles, alles stimmt in den frohen Jubel ein. Aber schon fällt ein bitterer Wermutstropfen in den überschäumenden Freudenbecher — der Pfarrmesner Jochinger tut auf dem Kirchenboden einen schweren Sturz und zwei Tage nach dem ereignisreichen Tag, den er noch erleben durfte, ist er vom Herrgott aus dieser Welt abberufen. Kons. - Rat Pragerstorf er hält seinem wackeren Mesner einen ergreifenden Nachruf am offenen Grabe. Und nochmals grollt das Geschick gegen die übergroße Freude, die uns beschieden ward. Am Tage nach der Weihe stürzt Frau Franziska Laaber, eine Verwandte des Weihenden, bei der Heuernte von einer Fuhre und zieht sich eine derart schwere Wirbelsäulenverletzung zu, daß auch sie die Woche nicht mehr überlebt. Aber der Engel des Verderbens hat noch nicht genug der Opfer, Schreckliches steht noch bevor. Am Mittwoch den 16. Juni ist es tagsüber schier unerträglich schwül und gegen 6 Uhr abends zieht ein Gewitter herauf, das schon im Werden ganz bedrohlich aussieht. Bald klatschen die ersten schweren Tropfen nieder, zeitweise mit Hagelkörnern durchmischt, Blitze zucken, der Donner grollt, ein Wolkenbruch braust herab, daß man kaum einige Meter weit sieht. Da — ein greller Feuerschein, ein schnalzendes Krachen — es hat eingeschlagen!

Die Kirche brennt! In den Wetterhahn am Westende des Kirchendaches fuhr der Feuerstrahl und zündete. Schon schlagen Flammen aus dem Dach empor. Die Feuerwehr ist wohl rasch zur Stelle, doch der Wasserbehälter unter der Fahrbahndecke des Hauntplatzes ist leer! Und ehe ein Anschluß an einer weit entfernten Stelle beim Wasserbehälter in der Höllriglstraße hergestellt ist, geht kostbare Zeit verloren. Über alles Lob erhaben ist der Mut einiger Jungen Feuerwehrleute, die furchtlos dem gefrässigen Element entgegentreten, die aber ohnmächtig zurückweichen müssen, um nicht selbst von ihm erfaßt zu werden. Die Feuerwehr von St. Valentin erscheint, alles versucht vom tiefgelegenen Engelteich Wasser heraufzupumpen. Der Druck der Spritze reicht nicht dazu aus. Schon beginnen Funken in den Kirchenraum hineinzuschlagen, Kaplan Herzog beschließt, die Kirche ausräumen zu lassen. Da hat die Feuerwehr nach einer bangen Stunde endlich die Leitung vom Wasserbehälter her fertig und nun zischt der Wasserstrahl, unterstützt von dem wieder heftiger einsetzenden Regen, ins brennende Gebälk. In einer knappen Viertelstunde ist der Brand lokalisiert ja fast erledigt. Ein Alpdruck ist von allen genommen.

An der Bekämpfung des Kirchenbrandes beteiligten sieh außer der Stadtfeuerwehr noch die Pinnersdorfer, die St. Valentiner und die St. Johannser Wehr, denen allen für ihre aufopfernde Tätigkeit großer Dank gebührt. Die Haindorfer Wehr war durch Mystifikation zu einem Bauernhaus berufen worden, wo überhaupt kein Brand war. Sie konnte daher beim Kirchenbrand nicht eingesetzt werden.

Eine Katastrophe größten Ausmaßes wurde abgewehrt. Eine Viertelstunde später — und die Kirche wäre nicht mehr zu retten gewesen! Aber nicht nur die Kirche, infolge des herrschenden starken Weststurmes waren sämtliche benachbarten Häuser gefährdet, der Funkenflug reichte bereits bis in den Hof des Pfarrgebäudes. Der Schaden ist bedeutend: etwa 200 m² des Dachwerks ist zerstört, etwa 6000 Dachziegel mußten dranglauben, desgleichen etwa 1000 Dachziegel des daneben befindlichen Mesnerhauses, auf das die glühenden Ziegel des Kirchendaches herunterprasselten und das gleichfalls höchst gefährdet war. Nach vorsichtiger Schätzung beträgt der Schaden etwa 20.000 S, er ist nur zum Teil durch Versicherung gedeckt. Stadtpfarrer Kons. - Rat Pragerstorfer befindet sich zur Zeit zur Behandlung seines Leidens im Spital in Wien. Unglaublich klingt es fast, daß ein Verbrecher die Gelegenheit der Verwirrung beim Räumen der Kirche benützte, um 2 Opferstöcke nach Wegreißen der Vorhängeschlösser zu berauben. Es muß schon ein ganz abgefeimter Bursche sein, der zu einer derartigen Handlung fähig ist; für solche Leute sollte man die Prügelstrafe einführen, sie verdienen nichts anderes. Der schon erwähnte Hagel war strichweise, z. B. in der Paga und im Ziegelstadel so heftig, daß er nicht unbedeutenden Schaden an den Kulturen anrichtete.

Unter dem Eindrucke der Rettung der Kirche in letzter Minute hielten die Kinder der Hauptschule und der 5. Volksschulklasse am Tage darauf eine kurze Dankandacht ab. Dem Appell Kaplan Herzogs in seiner Predigt vom Sonntag darauf zur weitestgehenden Hilfeleistung wird sich gewiß keiner versagen, damit unser liebes, ehrwürdiges Gotteshaus bald wieder in vollem Glanze zur Ehre Gottes dastehen möge!

L. P.