Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

Linzer Tages-Post, 30. 9. 1932

Stadt Haag in Niederösterreich.

Die Rede des Bundespräsidenten bei der gestrigen Feier.

Gestern, Donnerstag, vormittags wurde die Stadt-Erhebungsfeier des Marktes Haag in Niederösterreich festlich begangen. Mit der Feier ist eine Ausstellung verbunden. Nach Ansprachen des Bischofs von St. Pölten Memelauer und des Landeshauptmannes Dr. Buresch hielt Bundespräsident Miklas eine Ansprache, in der er unter anderem ausführte: Trotz vielfacher Inanspruchnahme gerade in diesen Tagen habe ich doch gerne Ihrer freundlichen Einladung entsprochen und bin zur Feier der Stadterhebung, der Jubelfeier ihrer Pfarre, und zur Ausstellungseröffnung nach Haag gekommen. Ihre junge Stadt feiert ja in diesen Tagen ruhmreiches Gedenken an einen 1000jährigen Bestand. Sie darf zurückblicken auf eine reich bewegte Geschichte, die zurückführt bis in jene Zeit, als vor ungefähr einem Jahrtausend bayerische Siedler in diese Gegenden kamen und nach der glücklichen Abwehr des großen Ungarnsturmes im 10. Jahrhundert sich hier im großen Ennswald niederließen, an einer Stätte, die offenkundig, wie verschiedene Funde beweisen, schon von den Römern besiedelt war. Durch wechselvolle Schicksale hindurch, bald glücklich, bald hart mitgenommen, hat dann Haag sich behauptet bis auf unsere Tage herauf, bis zum ungeheuren Weltkrieg. Ich freue mich des Zustandekommens der Haager Ausstellung um so mehr, als sie wieder den Beweis erbringt, daß keine Bitternis und keine Not der Zeit das unverdrossene Schaffen unseres Volkes zu lähmen vermag. Ich begrüße die Haager Wirtschaftsschau auch noch aus einem anderen Grunde, weil sie zugleich Zeugnis ablegt von einem einträchtigen Zusammenwirken aller schaffenden stände unseres Volkes hir in diesem Gau vor allem der Land- und Forstwirtschaft, des Gewerbes und der heimischen Industrie. Für diese Bekundung bürgerlich-bäuerlicher Solidarität bin ich in hohem Maße dankbar, besonders in einer Zeit, die eie die unserige nur allzuviel Trennendes aufweist und in der radikale Schlagworte nur zu oft den Frieden des Landes stören. Zwist hat unserem Volke niemals genützt, nur durch Eintracht ist immer Großes geschaffen worden. In der Geschichte von Haag und darüber hinaus auch unseres Heimatlandes überhaupt, sind diejenigen Zeiten die unglücklichsten, die von Bürgerzwist und Bauernaufruhr reden. Brüderlich reichen sich heute Bürger und Bauern, Handwerkes und Arbeiter, Stadt und Land die Bruderhand.

Es ist heute eine Jubelfeier seltener Art, in deren Zeichen heute Stadt und Pfarre Haag und der ganze Bezirk stehen. Möge der Verlauf dieser festlichen Tage so sein, daß er ein würdig Beispiel gebe für kommende Geschlechter. Die Ausstellung, die Sie mit diesen Gedenktagen Ihrer Festgemeinde verbunden haben, sei weithin ein Zeugnis von dem rüstigen Schaffen in Stadt und Land und bringe der heimischen Wirtschaft in vollem Maße die erwünschten Erfolge. Mit diesem aufrichtigen Wunsche erkläre ich die Jubiläumsausstellung Haag 1932 für eröffnet.

Wiener Zeitung, 30. 9. 1932

Festtage in Haag.

Die niederösterreichische Gemeinde Markt Haag an der Westbahn feiert in diesen Tagen ihr tausendjähriges Bestehen und das neunhundertjährige Jubiläum der Pfarrkirche. Der niederösterreichische Landtag hat aus diesem Anlaß den Markt zur Stadt erhoben und die Bezirksbauernkammer veranstaltet gemeinsam mit der neuen Stadtgemeinde Haag und der Landgemeinde Haag und den Gewerbegenossenschaften eine viertägige Wirtschaftsschau, deren Eröffnung gesstern vormittags der Bundespräsident vornahm. Den Ehrenschutz haben der Bundeskanzler Dr. Dollfuß, der Landeshauptmann Dr. Buresch und der Landeshauptmannstellvertreter Reither übernommen.

Dem Hauptfesttage ging vorgestern eine Vorfeier voraus, an der auch der Bischof von St. Pölten Memelaue teilnahm. Abends brachten die Vereine von Haag und Umgebeung ihrem Bischof ein Ständchen dar. Ein großer Fackelzug bewegte sich dann rund um die festlich beleuchtete Bergstadt. Auch ein Feuerwerk wurde abgebrannt. Der markante, die Gegend weithin beherrschande Kirchturm erstrahlte im Scheinwerferlicht. Ein Festkommers im Gasthause Forstmayr, bei dem der Bürgermeister Ströbitzer die Gäste begrüßte und Nationalrat Dr. Weihs im Namen der Gäste erwiderte, beschloß die Vorfeier.

Gestern früh setzte schon in den Morgenstunden ein starker zuzug aus der näheren und weiteren Umgebung ein. Ein Weckruf uns Böllerschüsse leiteten die Feierlichkeiten ein. Hierauf wurde am Kriegerdenkmal ein Kranz niedergelegt. In der historischen Pfarrkirche zelebrierte Bischof Memelauer unter großer geistlicher Assistenz das feierliche Pontifikalamt. In der Predigt gab Kanonikus Professor Dr. Wagner einen Rückblick über die bewegte und an Heimsuchungen reiche Vergangenheit der Stadt.

Um halb 11 Uhr vormittags trafen der Bundespräsident in Begleitung des Kabinettsdirektors Dr. Löwenthal und Landeshauptmann Dr. Buresch in Haag ein.

Nach einem Besuch im Pfarrhause begaben sich die Festgäste zum Ausstellungstor. das in Gestalt eines alten Stadttores errichtet ist. Vor dem Tore waren Fanfarenbläser, Landsknechte und Herolde im Kostüm aufgestellt. An der Eröffnungsfeierlichkeiten, die durch Radio Wien übertragen wurden, nahmen außer dem Bundespräsidenten, dem Landeshauptmann und dem Bischof von St. Pölten u. a. teil: Stattssekretär a. D. Stöckler, die Nationalräte Mayerhofer und Dr. Weihs, der Abt des Stiftes Seitenstetten Dr. Springer, LAndesrat Prader, in Vertretung des Ministers a. D. Buchinger Direkto Münzberger und Generaldirektor Ökonomierat Stiepan, die Landtagsabgeordneten Katharina Graf, Höller und Latschenberger, der Vizepräsident der Landes-Landwirtschaftskammer Gleichweit mit Kammeramtsdirektorstellvertreter Ing. Greil und Hofrat Löschnig, der Direktor des niederösterreichischen Bauernbundes Regierungsrat Sturm, der Präsident des Landesverbandes für Fremdenverkehr in Niederösterreich Hofrat Abg. Klieber, der Direktor der Brandschadenversicherungsgesellschaft Luft, der Präsident des österreichischen Gewerbebundes Rotter, viele Kammerräte der bezirksbauernkammer und der Handels- und Gewerbekammer, Vertreter der Bezirksbehörden mit Bezirkshauptmann Dr. Willfort an der Spitze und viele Bürgermeister der Umgebung.

Eine Musikkapelle spielte die Bundeshymne, worauf ein Kind den Bundespräsidenten mit einem Festgedicht begrußte. Drei Mädchen überreichten dann dem Bundespräsidenten einen Rosenstrauß.

Bürgermeister Ströbitzer hieß namens der Stadt den Bundespräsidenten, den Landeshauptmann und die anderen Festgäste herzlichst willkommen.

Dann hielt Landeshauptmann Dr. Buresch eine Ansprache, in der er unter anderem sagte: Die Stadt Haag konnte nichts Besseres tun, als das Fest der Stadterhebung und das Jubiläum der Kirche dadurch zu feiern, daß es eine Wirtschaftsschau in größerem Maße veranstaltet. Wo Landwirtschaft Hand in Hand mit dem Gewerbestand geht, gibt es einen guten Klang, dort wird es möglich sein, Wunden zu heilen, die uns die Nöte der Zeit geschlagen haben, und den Aufstieg nach vorwährts vorzubereiten. Sie geben unserem ganzen Vaterlande ein leuchtendes Vorbild. Nicht der Kampf der einzelnen untereinander ermöglicht es, daß das Volk vorwährts kommt, des gegenseitige Verstehen und das Miteinandergehen vielmehr bringt uns vorwährts, ist wahre, auch patriotische Arbeit, die ich an dieser Stelle ganz besonders begrüße. Die Verleihung des Stadtrechtes an den früheren Markt Haag soll die Anerkennungfür das vorbildliche Wirken sein, es ist die Auszeichnung eines Gemeinwesens, das immer ausgezeichnet gearbeitet hat.

Hierauf sprach der Bischof von St. Pölten Memelauer, der u. a. sagte:
Es ist mir als Bischof eine große Freude, der jungen Stadt Haag zu ihrem Geburtstag persönlich meine Glückwünsche sagen zu können. Doppelt warm sind meine Wünsche; bin ich doch ein Kind dieser Gegend und habe ich als Priester in Haag meine Seelsorgearbeit begonnen. Ich meine, es war ein glücklicher Gedanke, die Feier der Stadterhebung mit dem 900jährigen Pfarrjubiläum zu verbinden. Die junge Stadt bekennt damit offen, daß sie im Schatten der Kirche groß geworden und zur heutigen Höhe emporgestiegen ist.

Möge die junge Stadt die alten Vätertraditionen, Heimattreue und Treue zur Kirche auch weiterhin bewahren. Möge St. Michael, der Patron dieser Pfarrkirche, in deren Schatten Alt-Haag sich wohlgeborgen fühlte, auch weiterhin schützend über den Haagern sein, damit Jung-Haag noch aufsteige zur weiteren Höhe. Das des Bischofs Wunsch zur Stadterhebung. (Stürmischer Beifall.)

Der Präsident der Jubiläumsausstellung Karl Bilek ersuchte dann den Bundespräsidenten, die Ausstellung zu eröffnen.

Bundeapräsident Miklas hielt sodann nachfolgende Ansprache, die mit brausendem Beifall aufgenommen wurde:

Nehmen Sie vorerst meinen wärmsten Dank entgegen für die freundlichen Grüße, die Sie mir namens der jüngsten Stadt unseres Heimatlandes, namens Stadt Haag und ihrer Umgebung, entgegengeboten haben.

Trotz vielfacher Inanspruchnahme gerade in diesen Tagen habe ich doch gerne ihrer freundlichen Einladung entsprochen und bin zur Feier der Stadterhebung, der Jubelfeier Ihrer Pfarre und zur Ausstellungseröffnung nach Haag gekommen. Ihre junge STadt feiert ja in diesen Tagen ruhmreiches Gedenken an einen tausendjährigen Bestand. Sie darf zurückblicken auf eine reich bewegte Geschichte, die zurückführt bis in jene Zeit, als vor ungefähr einem Jahrtausend bayrische Siedler in diese Gegend kamen und nach der glücklichen Abwehr des großen Ungarsturmes im 10. Jahrhundert sich hier im großen Ennswald niederließen, an einer Stätte, die offenkundig, wie verschiedene Funde beweisen, schon von den Römern besiedelt war. Durch wechselvolle Schicksale hindurch, bald glücklich, bald hart mitgenommen, hat dann Haag sich behauptet bis auf unsere Tage herauf, bis zum ungeheuren Weltkrieg und seinen Heldenopfern, denen die Heimat ehrendes Gedächtnis bewahrt, und bis herauf auf die Tage der heutigen Festfeier.

Diese Tage historischen Gedenkens wollten die Bürger von Haag aber nicht vorübergehen lassen, ohne auch aufzuzeigen, was die gegenwährtige Generation zu leisten vermag, nicht vorübergehen lassen, ohne der weiteren österreichischen Heimat ein Bild des frohen Schaffens zu geben, das sich in Haag und im ganzen Gau zwischen Enns und Ybbs auf allen Gebieten unserer Wirtschaft in reichstem Maße entfaltet.

Ich begrüße die Durchführung dieses Gedankens auf das wärmste und freue mich des Zustandekommens dieser Haager Ausstellung um so mehr, da sie wieder den Beweis erbringt, dass keine Bitternis und keine Not der Zeit das unverdrossene Schaffen unseres Volkes zu nehmen vermag. Auch Haag will beweisen, was schon so viele andere Ausstellungen, die in den letzten Wochen in österreichischen STädten veranstaltet wurden, bewiesen haben, daß unser Volk unermüdlich schafft und von ungebrochenem Lebenswillen erfüllt ist und, allen tausendfältigen Schwierigkeiten zum Trotz, rüstig an einer besseren Zukunft baut.

Ich begrüße aber diese Haager Wirtschaftsschau auch noch aus einem anderen Grunde, weil sie zugleich Zeugnis ablegt von dem einträchtigen Zusammenwirken aller schaffenden Stände unseres Volkes, hier, in diesem Gau vor allem der Land- und Forstwirtschaft, des Gewerbes und der heimischen Industrie. Nicht nur die Landwirtschaft, di eja, wie bekannt, gerade in diesem Gebiete die Hauptgrundlage der Wirtschaft ist und mustergültige Leistungen aufzuweisen hat, will ihre hochwertigen Erzeugnisse auf dieser Ausstellung zur Schau stellen. Was ich mit besonderer Freude begrüße, ist, daß sich auch unser heimisches Gewerbe und zum Teil unsere Industrie an dieser Wirtschaftsschau der Heimat beteiligt hat, um nicht nur zu beweisen, zu welch hervorragenden Leistungen sie befähigt sind, sondern auch, um vor aller Welt die Solidarität mit den übrigen schaffenden Ständen unseres Volkes, hier vor allem mit unserem kraftvollen deutschen Bauernstande, zu bekunden.

Für diese Bekundung bürgerlich bäuerlicher Solidarität bin ich in hohem Maße dankbar, besonders in einer Zeit, die, die die uns´rige, nur allzu viel Trennendes aufweist und in der radikale Schlagworte nur zu oft den Frieden des Landes stören. Zwist hat unserem Volk niemals genützt, nur durch Eintracht ist immer großes geschaffen worden. In der Geschichte von Haag und darüber hinaus auch unseres Heimatlandes überhaupt sind diejenigen Zeiten die unglücklichsten, die von Bürgerzwist und Bauernaufruhr reden. Es waren unselige Zeiten, als politischer und religiöser Zwist die Bürger entzweite, es waren bitterböse Zeiten, als rebellische Bauern gegen die festen Mauern niederösterreichischer Städte und Märkte stürmten. Was den letzteren damals im Aufruhr nicht gelang, das haben sie später und heute oftmals mit friedlichen Mitteln voll und ganz erreicht. Holten sie sich damals im Streite mit wehrhaften Bürgernan deren starken Mauern blutige Köpfe, so sind sie anderseits heute als friedliche Eroberer in diese Stadt eingezogen, freudigst begrüßt, mit offnen Armen empfangen. Brüderlich reichen sich heute Bürger und Bauern, Handwerker und Arbeiter, Stadt und Land die Bruderhand. Und die Welt bestaunt den edlen Wettstreit ihrer Leistungen, ihres friedlichen Schaffens. Sicherlich mag es im einzelnen noch manche Gegensätze und Differenzen geben. Aber ehrliche deutsche Rede, ückhaltlose Aussprache von Mann zu Mann, von Bruder zu Bruder, überall das, was jeder auf dem Herzen hat, wird immer wieder imstande sein, die Nebelschleier des Mißtrauens und der Gegnerschaft zu verscheuchen, die Garne der Unruhestifter zu zerreißen. Deutsches Manneswort und Handschlag mag dann den Frieden besiegeln.

Es ist eine Jubelfeier seltener Art, in deren Zeichen heute Stadt und Pfarre Haag und der ganze Bezirk stehen. Möge der Verlauf dieser festlichen Tage ein solcher sein, daß er ein würdig Beispiel gebe für kommende Geschlechter. Die Ausstellung, die Sie mit diesen Gedenktagen Ihrer Festgemeinde verbunden haben, sei weiterhin ein Zeugnis von dem rüstigen Schaffen in STadt und Land und bringe der heimischen Wirtschaft im vollen Maße die erwünschten Erfolge. Mit diesem aufrichtigen Wunsche erkläre ich die Jubiläumsausstellung 1932 für eröffnet.

Der Männergesangsverein von Haag sang dann das Lied "Sanct Michael, salva nos!" und Turner und Turnerinnen führten in Biedermeiertracht einen Reigen auf..Hierauf besichtigte der Bundespräsidentund die Festgäste die Ausstellung.

Festsitzung des Gemeinderates.

Nach dem Rundgang durch die Ausstellung versammelten sich die Ehrengäste und der vollzählige Gemeinderat im Sparkassengebäude zu einer Festsitzung.

Bürgermeister Ströbitzer dankte dem Lantag, dem Landeshauptmann und der Landesregierung für die Stadterhebung.

Landeshauptmann Dr. Buresch verwies darauf, daß der Beschluß des Landtages einstimmig gefaßt wurde, und daß sich darin die Anerkennung des Landtages für die bisherige Arbeit der Gemeindevertretung ausdrücke.

Der Bundespräsident
kennzeichnete die Gemeinden als Grundpfeiler des öffentlichen Lebens im Staate. Einträchtiges Zusammenwirken tut namentlich auch den Gemeinden not. Wo Eintracht herrscht, müssen die oft fein gesponnenen Netze der Unruhestifter zerreißen und die Sonne der Wahrheit bricht hervor. Die STadterhebung ist die öffentlich dokumentierte Anerkennung für die bisherigen Leistungen eines unserer blühendsten Gemeinwesen. Der Bundespräsident fügte schließlich seinen Glückwünschen die Mitteilung hinzu, daß er dem jetzigen Bürgermeister in Anbetracht seines verdienstvollen Wirkens auf öffentlichem Gebiete und als Sparkassendirektor das Goldene Verdienstzeichen der Republik verliehen habe.

Mit Dankesworten und einem Hoch auf die junge Stadt schloß hierauf der Bürgermeister die Festsitzung.

Der Nachmittag war mit der Freilichtaufführung eines von Professor Dr. Wagner in St. Pölten verfassten Festspieles ausgefüllt, das unter großer Beteiligung auf dem Kirchenplatze vor sich ging und allgemeinen Beifall erntete.