Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

Das interessante Blatt, 22. 9. 1932

Tausend Jahre Haag in Niederösterreich: Blick auf die Stadt und auf die Pfarrkirche, die in ihren Anfängen vor 900 Jahren urkundlich als Pfarre des Bistums Passau von Bischof Berengar geweiht wurde.
Stephan Ströbitzer, Bürgermeister der Stadt Haag.
Blick zum „Hintertürl", einem geheimen Weg, der von den Befestigungsmauern um die Pfarrkirche in die Stadt Haag führte und zur Zeit der mittelalterlichen Kämpfe

Tausendjahrfeier der Stadt Haag in Niederösterreich.

(Mit drei Abbildungen.)

Auf der Westbahnstrecke zwischen Amstetten und St. Valentin fällt das auf der Höhe liegende Haag mit der schönen gotischen Pfarrkirche auf. Wenige jedoch werden wissen, daß dieser Ort auf eine alte ehrwürdige Vergangenheit zurückblickt und schon zur Römerzeit ein Bollwerk bildete. Um dass Jahr 15 vor Christi drangen die Römer nach Norden vor und legten im Rahmen ihrer Befestigungsarbeiten im Donaugau auch die ersten Grundsteine für die spätere Stadt Haag. Mit der römischen Besatzung kam Acker- und Weinbau ins Land. Auch das Vordringen des Christentums fällt in diese Seit. Der Namen des Ortes dürfte am wahrscheinlichsten von der auf den noch erkennbaren Trümmern eines alten Römersitzes hier gegen die Einfälle der Ungarn 970-980 errichteten Schutzstätte herrühren. Diese Schutzstätten pflegte man mit dem Namen "Hag" zu bezeichnen. In historischen Dokumenten erscheint Haag schon im Jahre 1024 als ein Grenzpunkt der Ostmark. Der Ort besitzt alte Marktrechte und im Jahre 1431 wird Haag als Markt urkundlich angeführt. Im Jahre 1463 wurden den Bewohnern der Titel "Bürger" erteilt und neben dem Thomas-Jahrmarkt ein Körnermarkt für jeden Montag bewilligt. Im Jahre 1563 wurde von Kaiser Ferdinand I. dem Markte Haag ein Wappenbrief gegeben, der berechtigte, den Kirchenpatron von Haag St. Michael als Wappenschild zu führen. 1557 erhielten die Haager Bürger das Handelsrecht mit innerbergischem Eisen. Zu besonderer Blüte gelangte in Haag die Erzeugung von Wanduhren, die sich durch Generationen bis auf hie heutige Zeit vererbte. Die sogenannten "Spitzenwinkler-Uhren" erlangten durch ihre Schönheit und Originalität Weltruf. Sie wurden aus Zwetschkenbaum- oder Birnbaumholz erzeugt und auch das Getriebe und die Räder waren aus diesem Material. Mit diesen Uhren reisten die Haager auch auf Märkte und in Städte. Ebensolche Berühmtheit erlangte die aus dem Jahre 1544 stammende Weberinnung und die „Tüchelmalerei" die besonders um diese Zeit sehr gepflegt wurde. In der Bettwäsche, beispielsweise in der Tuchent, wurde ein sogenannter „Spiegel" eingesetzt, der handgemalt war und auch beim Waschen seine Farbe nicht verlor. Neben diesen Gewerben wurde auch die Hafnerei sehr stark betrieben, die um das Jahr 1600 in vollster Blüte war. Die Erzeugnisse dieses Gewerbes waren besonders durch Form und Ton in ganz Oesterreich bekannt, so daß es sogar zu Streitigkeiten zwischen den Hafnern von Oberösterreich, insbesondere aber zwischen den Hafnern von Steyr und Haag kam. Vom Kirchenplatze  über die zinnengekrönten Mauern der Befestigungen genießt man einen herrlichen Ausblick auf die nahen Hügel mit den mit schwerer Frucht beladenen Obstbäumen und auf die fernen hohen Berge der österreichischen Lande.

Zugleich mit dem tausendjährigen Bestande des Ortes begeht Haag die Neunhundertjahrfeier seiner Pfarrkirche. Im Anfange des XI. Jahrhunderts hatte der Kaiser Heinrich II. das Bistum Bamberg gestiftet. In diesem  bedeutenden Territorium errichtete Bamberg die Kirche und Pfarre Haag. Der Besitz Bambergs um Haag als dessen Eigentum erscheint schon 1030. Im Jahre 1032 wurde die Kirche Haag von Bischof Berenger von Passau geweiht und Haag als selbständige Pfarre errichtet. Ursprünglich wurde die Kirche im romanischen Stile errichtet und später im gotischen Stile umgebau. Das Prespytherium und der Turm stammen aus dem Jahre 1435, das Hauptschiff und die beiden Seitenschiffe aus späterer Zeit. Im Jahre 1745 wurde der barocke Hauptaltar und die Orgel erbaut. Die gotische Kirche ist dreischiffig mit erhöhtem Mittelschiff. Der Turm ist 63½ Meter hoch. Rund um den Kirchenplatz sind zinnengekrönte Mauern, die noch an die Zeit der Kämpfe gegen die Ungarn in den Jahren 970-980 stammen. In der Mauer ist auch ein Ausfallstor, ein sogenanntes "Hintertürl", von dem ein sehr steiler Weg über den Hang hinabführt. Auf der Kirche über dem linken Eingange befindet sich noch eine sehr gut erhaltene "Pechnase", die sich oft geöffnet haben wird, um ahnungslose Krieger mit glühendheißem Pech zu übergießen. Erinnerungen an längst vergangene Tage.

Aus Anlaß der Festtage findet Ende September eine Jubiläumsausstellung unter dem Ehrenschutze des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß, des Landeshauptmannes Dr. Buresch und seinem Stellvertreter Reither statt. Auch wird anläßlich der Stadterhebungsfeierlichkeiten ein Festspiel mit einheimischen Kräften aufgeführt. Um das Zustandekommen dieses schönen Programms hat sich ein Festkomitee mit Präsidenten Bilek an der Spitze, und dem die Bürgermeister Ströbitzer, Mayrhofer und Nagelstraßer sowie Oberinspektor Teltscher angehören, reich verdient gemacht.