Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

Ybbser Zeitung, 15. 10. 1932

Personalnachrichten.

Der Bundespräsident hat dem Monsignore Konsistorialrat Franz Reininger, Stadtpfarrer in Haag, das silberne Ehrenzeichen, und dem Sparkassendirektor Stephan Ströbitzer, Bürgermeister in Stadt Haag, das goldene Verdienstzeichen verliehen. Der Bundespräsident hat dem Gemeinde- und Bahnarzt Dr. Karl Schwaiger in Stadt Haag den Titel eines Medizinalrates, und dem Kaufmann Rudolf Weiß, Altbürgermeister in Stadt Haag, den Titel eines Kommerzialrates verliehen.

Kirchenmusik.

Man schreibt uns: Schreiber dieser Zeilen war tiefergriffener und begeisterter Zuhörer der so schön aufgeführten "Missa Brevis" in d-Dur von Mozart beim Kirchenfest am 29. September in Haag. Es ist zu gratulieren und zu danken der Organistin Frau Olga Gergl, die nebst dem Orgelpart die ganze Messe und die Sopransolo sang, dem Dirigenten Herrn Valentin Gergl, der Altistin Frau Anna Brandhuber, dem Tenor Herrn Hauptschullehrer Maschek und dem Baß Herrn Malermeister Wimmer, welche die Solos wunderschön zum Vortrag brachten. Auch der Chor und die Begleitung war tadellos. Nebenbei sei bemerkt, daß nur einheimische bei dieser Aufführung mitwirkten. Sehr gut gefiel auch das 7stimmige Tantum ergo von T. Frey. Man hörte nach dem Hochamte allgemein "das war herrlich". Der Haager Kirchenchor machte der jungen Stadt alle Ehre.

Bezirkskaufmannstag.

Freitag den 30. September fand in Reitters Gasthaussaal ein vom Landesverband der Handelsgremien und Handelsgenossenschaft Haag veranstalteter, von etwa 150 Kaufleuten aus der näheren und ferneren Umgebung besuchter Kaufmannstag statt. Der Präsident des Landesverbandes Löscher aus Ybbs eröffnet die Versammlung und begrüßt die Erschienenen mit herzlichen Worten. Auch Bürgermeister Ströbitzer und Ausstellungspräsident Bilek richteten Worte herzlichen Willkommens an die Gäste, besonders Bezirkshauptmann Hofrat Willfort, Kammerrat Fuchs aus Linz und Kommerzialrat Reichl aus Wels. Kammerrat Dllauhy aus Krems bespricht in einem eingehenden Referat die übermäßige und im Verhältnis zum Niedergang unserer Wirtschaft geradezu ruinöse Steuerbelastung. Es sein nicht von der Hand zu weisen, daß die Parteienwirtschaft im Parlament zum großen Teil daran Schuld sei. Zudem ist der Handelsstand im Verhältnis zu der von ihm geforderten Steuerbelastung im Parlament ungenügend vertreten, so daß er sich nicht durchsetzen könne. An der Hand zahlreicher Daten zeigte, daß der Stadt durch die Haftung für sämtliche Schulden der Kreditanstalt an den Rand des Abgrundes geführt worden sei. Handelskammerrat Richter beleuchtete den innigen Zusammenhang zwischen Handel und Gewerbe und tritt ein für ein festes Zusammenarbeiten dieser Stände. Vorsteher der Handelsgenossenschaft Amstetten, Kaufmann Kroiß aus Amstetten, verlangt eine gründliche Novellierung der Gewerbegesetze. Nur gelernten Kaufleuten darf das halten von Lehrlingen gestattet werden. Bei der Nottagung am 11. Oktober in Wien sei Gelegenheit, die begründeten Beschwerden und Forderungen an zuständiger Stelle mit allem Nachdruck zu vertreten. Kammerrat Fuchs, Vorstand des Linzer Gremiums Berufständischer Handelsvertreter, beschwert sich über den unlauteren Wettbewerb nicht befugter Reisender, auch aus dem Stand der Eisenbahnpensionisten, die mitRegiekarten fahren. Über dieses Thema hielt Herr Kroiß ein ausführliches Referat und gab wertvolle Ratschläge zur Selbsthilfe. Löscher jun., Sekretär des Landesverbandes, gibt verschiedene Aufklärungen. Kommerzialrat Reichl aus Wels verlangt strenge Kontrolle des Hausierhandels und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß durch die Anleihe der Schilling gestützt werde. Notwendig für den Kaufmannstand sei fortgesetzte und zielbewußte Kleinarbeit. Arbeiten und nicht verzagen!

Bürgermeistertag.

Samstag den 1. d. M. fand in Forstmayrs Gasthaussaal eine Tagung der Bürgermeister statt, zu der sich etwa hundert Bürgermeister eingefunden hatten. Vorsitzender Bürgermeister Nagelstraßer begrüßt unter anderem die Herren Hofrat Willfort, NR. Mayrhofer und Geyer, Landtagsabgeordneten Höller und hält dem verstorbenen Bürgermeister von Abetzberg einen Nachruf, der von den ANwesenden stehend angehört wird. Bürgermeister Ströbitzer gibt seiner Freude Ausdruck, daß in der jungen Stadt wieder einmal Ober- und Niederösterreich vereinigt sind. Bürgermeister Josef Lehrl aus Zell bei Waidhofen hält hierauf ein lichtvolles mit viel Humor gewürztes Referat über die Notwendigkeit der Raiffeisenkassen. Vizebürgermeister Atzwanger aus Steyr überbringt die Grüße des Bürgermeisters Sichelrader, der verhindert sei und spricht hierauf über den Ausbau der Fachorganisation der österr. Stadtgemeinden. Der Obmann des o.ö. Fremdenverkehrsverbandes Schickl aus Steyr bespricht das Straßenwesen und den Fremdenverkehr. Bürgermeister Jodlbauer und GR. Wagner aus Enns sprechen an der Hand von Planskizzen über das Projekt einer Bundesstraße, die von Enns über Haag und Aschbach nach Amstetten zu führen wäre. Diese Strecke soll nicht eine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung der geplanten Voralpenstraße sein. Der Obmann des Verbandes o.ö. Gemeindeangestellten, Kotzmann aus St. Florian, verbreitet sich über Abzugsteuern und über die Regelung der Dienstverleihungsgebühren der gemeindeangestellten. In Ober-Österreich sei nach langen Verhandlungen mit der Finanzlandesdirektion die Pauschalierung angenommen worden. Der Vorteil sei, daß die Gebühren, die sich nicht nur auf beamtete, sondern auch gewählte Funktionäre beziehen, auf ein erträgliches Maß herabgesetzt werden. NR. Mayrhofer und L. Abg. Höller regen an, nach gründlicher Beratung mit den n.ö. Gemeinden mit der Finanzlandesdirektion in Verhandlung zu treten, um die Pauschalierung zu erlangen. Zum Schlusse spricht NR. Mayrhofer eingehend über die Abgabenteilung und alle damit zusammenhängenden Fragen.

Abschied.

Mit 1. d. M. schied Herr Johann Lichtenberger von seinem Posten als Schulwart an der hiesigen Haupt- und Volksschule, den er seit 12 Jahren zur größten Zufriedenheit aller versehen hat. Er war ein unermüdlich tätiger Mann, dem nie eine Arbeit - und deren gibt  es ja in einer so großen Schule gar viele - zuwider war. Obwohl selber leiden, hat er doch schon mehrere Operationen mitgemacht, war er doch, zumal im Winter, wo es galt die vielen Öfen zu heizen, vom frühen Morgen bis zum späten Abend tätig. Seine Wohnung im Schulhaus stand den Kindern jederzeit offen. Wenn eines unwohl war, durfte es sich beim Schuldiener auf das Bett legen. Nasse Kleider, Schuhe, Bücher, alles wurde beim Schuldiener hinterlegt und nie hörte man ihn brummen, selbst wenn es in seiner Wohnung zuging, wie in einem Bienenschwarm. Wenn sich Herr Lichtenberger jetzt in den Ruhestand begibt, dann gehorcht er nur der Not und nicht dem eigenen Triebe. Seine Frau, die schon zweimal von einem leichten Schlaganfall heimgesucht wurde, kann eben nicht mehr mittun und alleine ist er bei all seiner Arbeitsfreude nicht imstande, den Posten zu versehen. Also geht er in Pension zu seiner Tochter draußen in dem netten Häuschen in Radelsbach. Wie übrigens die "Pension" bei Lichtenberger aussieht, das wissen wir schon. Er wird weiterarbeiten wie bisher, wird Holzschuhe machen, Palmbeserl binden und den Bauern bei der Ernte helfen, bis - ja, bis ihm der Tod einmal das Handwerkszeug aus der Hand nehmen und sagen wird: "So, lieber Freund, jetzt ist´s genug! Jetzt rast´ dich einmal aus droben bei unserem Herrgott!"