Linzer Tages-Post, 11. 9. 1901
Das Tanzverbot im Jubiläumsjahre.
Man schreibt uns aus Enns, 9. d. M.: Das Jubiläumsjahr bot einen willkommenen Anlass, gegen die dem Clerus zumeist sehr verhassten Tanzunterhaltungen vorzugehen und wurden die Gläubigen in Wort und Schrift von der KAnzel und bei jeder sonstigen Gelegenheit dieses Vergnügen verboten. Die hiesige strenggläubige ländliche Bevölkerung und auch die Bauern des Nachbarbezirkes Haag, Niederösterreich, haben, so weit uns bekannt ist, dieses Tanzverbot stets getreulich gehalten, und sind zum Missvergnügen manches Betheiligten die Hochzeiten sang- und klanglos verlaufen, obwohl die Bauern viel darauf halten, bei solch festlichem Anlasse den alten Brauch und natürlich nicht zuletzt den originellen Ländler mit seinen urwüchsigen Gstanzln zu pflegen.
Umsomehr waren die biederen Landleute überrascht, als am Sonntag den 1. d. M. anlässlich eines katholischen Arbeiterfestes in Enns, an welchem sehr viele Landleute theilnahmen, über ausdrückliche Zustimmung und unter dem Patronate der geistlichen Rathgeber dem Tanzvergnügen in der denkbat ausgiebigsten Weise gehuldigt wurde (das "Linzer Volksblatt" verschweigt diese Thatsache wohlweislich in seinem Berichte vom Samstag den 7. d. M.), und dieselben gaben ihrem Unmuthe hierüber unverhohlen Ausdruck.