DAS PENCKSCHE EISZEITSYSTEM UND DIE HAAGER SCHOTTER
Um die Zeit ihrer Entstehung angeben zu können, ist noch folgendes zu beachten:
Knapp an der Westgrenze des Haager Gebietes, im Ennstal selbst, befinden sich tiefer gelegene, gleichfalls durch Schmelzwässer aufgetragene Schotterfelder, deren Reste unter dem Namen Nieder- und Hochterrasse bekannt sind. Eine langgestreckte und schön ausgebildete Hochterrasse zieht am linksseitigen Ufer vom Heuberg bis zur Stadt Enns, die auf deren Nordende erbaut ist; die zugehörigen Moränen liegen bei Großraming. Tiefer und in die genannte Hochterrasse eingeschüttet, liegen die Schotter der Niederterrasse, die den Kern der Stadt Steyr, Haidershofen, Ernsthofen und die Verkehrswege Steyr-St. Valentin trägt; ihre Moränen liegen bei Admont am Buchauer Sattel. Auch das Ybbstal zeigt solche Aufschüttungsterrassen; die Stadt Waidhofen, die Forstheide bei Amstetten stehen auf Niederterrasse, die Hochterrasse ist z. B. bei Kematen-Rosenau deutlich ausgeprägt.
Nach Albrecht Penck nun, dem großen Eiszeitforscher, entspricht jeder Endmoränenzone eines Gletschervorstoßes ein eigenes durch die Schmelzwässer entstandenes - fluvioglaziales - Schotterfeld außerhalb des eisbedeckten Gebietes und auch umgekehrt wäre es möglich, aus Schotterfluren des Alpenvorlandes auf zugehörige, auch heute weiter abliegende, ja auch nicht mehr vorhandene Endmoränen und damit auf Eiszeiten zu schließen. Beispiele dafür sind die eben gebotenen.
Da aber jedes Schotterfeld eine Aufschüttung darstellt, werden die verschieden hoch gelegenen und ineinandergeschachtelten Schotterfluren zu Zeugen verschiedener Eisvorstöße oder Teileiszeiten, die durch Zeiten wärmeren Klimas, durch sogenannte Zwischeneiszeiten (Interglaziale) getrennt waren. Die letzteren sind Zeiten des Eisrückzuges, der Abschmelzung, und so - hierin abweichend von den Anschauungen Pencks' - Zeiten der Schmelzwasseraufschüttungen im Alpenvorland.
Damit sind aber die Aufschüttungsterrassen, welche das heutige Enns- oder Ybbstal begleiten, auch zu Zeugen einstiger großer Klimaschwankungen oder zu Klimaanzeigern geworden. Auf Zeiten der Aufschüttung folgte eine Periode teilweiser Ausräumung oder Erosion der abgesetzten Schotter, worauf nach einem neuerlichen Gletschervorstoß Schotter in den ausgeräumten Talzug eingetragen wurden.
So kommt eine Staffelung der Aufschüttungen zustande, wobei das höhere Schotterfeld oder die höhere Terrasse einer älteren, die tiefer liegende einer jüngeren Teileiszeit entspricht.
Nach solchen verschieden hoch gelagerten Schotterfluren des Alpenvorlandes gliedert nun Penck die gesamte Eiszeit in vier durch drei wärmere Interglaziale getrennte Hauptvorstöße oder Teileiszeiten, die ihre Namen nach bayrischen Ablagerungen bzw. Flüssen erhielten. Die vierte und jüngste ist die Würmeiszeit (nach der Würm, dem Abfluss des Würmsees, westlich von München) ; ihre Schmelzwasseraufschüttungen bilden den am tiefsten gelegenen Niederterrassenschotter. Die dritte oder vorletzte, die Rißeiszeit (die Riß, ein Nebenfluss der Donau westlich der Iller) ; ihre Schotterfluren bilden die Hochterrasse. Der zweiten oder Mindeleiszeit (die Mindel, ein Nebenfluss der Donau) entspricht der jüngere Deckenschotter. Dagegen der ersten oder Günzvereisung (die Günz, ein Flüsschen neben der Iller) der zu höchst gelegene Ältere Deckenschotter.
Auf diese Weise ist es möglich, auch die hochgelegenen Haager Schotter in die Pencksche Eiszeitgliederung einzuordnen: wir stellen sie zum Älteren Deckenschotter und erklären sie als fluvioglaziale Bildungen, das heißt als Schmelzwasseraufschüttungen, die beim Rückzug des ältesten Ennstalgletschers zur Eiszeit, des Günzgletschers, in das Alpenvorland verfrachtet und dort abgesetzt wurden. Ihre Bildungszeit fällt daher in die auf die Günzvereisung folgende Zwischeneiszeit (Günz/Mindel-Interglazial).
Es ist nun sehr bemerkenswert, dass jene erste oder Günzvereisung gegenüber den späteren (Mindel) geringer war und dennoch so gewaltige Schottermengen (eben der Deckenschotter) im Alpenvorlande anfielen. Brückner erklärt diese Tatsache aus dem riesigen Reichtum des bereits ausgereiften Alpengebirges an Verwitterungsprodukten vor dem Eintritt der ersten Vergletscherung, die dann durch den vordringenden Eisstrom mitverursachtet wurden. Die hohe Lage des Deckenschotters über dem heutigen Spiegel der Enns, die an der Loderleite so auffällig ist - die Konglomeratbank befindet sich an die 64 m über dem Fluss - bedeutet nach allem, dass das Schotterbett der alteiszeitlichen Enns als Ganzes höher und auch vielmal breiter war und der Fluss erst später sein Bett, es gleichzeitig verschmälernd, im Deckenschotter und Schlier tiefer legte und dadurch jenen bereits erwähnten Hohlraum oder Talzug schuf, in den die Terrassenschotter späterer Vereisungen eingeschüttet wurden. So ergibt sich zwanglos auch eine Vorstellung über die Aufschüttungsart der Schmelzwässer nach der Günzvereisung: die Haager Deckenschotter sind Teil eines Schwemmkegels, den die alteiszeitliche Enns beim Rückzug des Günzgletschers im Vorland aufschüttete und der sowohl weit nach Westen in das oberösterreichische Land hinein, wie auch weit ostwärts bis gegen die Ybbs zu bedeutend aufgefächert wurde. Dabei spaltete sich der große Schmelzwasserstrom der Enns beim Austritt aus dem Gebirge in zahlreiche Arme, die auseinanderstrahlend ihre Aufschüttung vollzogen.
Das Haager Land bot zur Deckenschotterzeit wohl das Bild einer von Schmelzwasserrinnen durchzogenen steinigen oder auch kiesigsandigen, z. T. mit Schlamm bedeckten Ebene, die sich vom Nordrand des Gebirges bis zu den höheren Schlierhügeln im Norden bis gegen den Ostteil des Landes flach absenkte. Der Erla- und Haager Bach fehlten. Das ganze heutige Entwässerungsnetz des Gebietes ist jünger. Es mag aber sein, dass die derzeitigen Gewässer einige der damals vorhandenen Schmelzwassertalungen benützten, denen sie durch Tiefen- und Seitenerosion ihre heutige Gestalt verliehen. Vielleicht trifft dies für die Erla zu, die heute im Schlier pendelt (Stampf, Weinzierl), oder auch für Teilstrecken des Haager Baches, der sich anschickt, nach Durchsägung seiner eigenen und jüngsten Anschwemmungen den Schlierboden zu erobern.
Im Gebiet der Traun-Ennsplatte Oberösterreichs sind andererseits Schmelzwasserrinnen bekannt geworden, die heute trocken liegen. Ob in unserem Gebiet der eine oder andere heute wasserlose und mit verzweigten Rinnen beginnende Graben dazugerechnet werden kann, diese Frage soll einstweilen nur gestellt sein.
Vom Pflanzenkleid jener Zeitläufte ist nichts bekannt. Auf dem Sandur, wie die einem (ehemaligen) vereisten Gebiete vorgelagerten Schotter- und Sandfelder auch heißen, mag es wohl spärlich gewesen sein. Später allerdings wurden die Ödflächen der Deckenschotterzeit durch einen steppenartigen Boden abgelöst, der nun den Löß aufzufangen und zu binden vermochte. Löß, jener gelb- bis lichtgraue, sand- und kalkhaltige ungeschichtete Flugstaub, ist eiszeitlicher Silt oder Hochwasserschlamm, der dann, ein Spiel des Windes geworden, in der Vorlandsteppe abgesetzt wurde.
Durch Verwitterung wird Löß bräunlich-gelb, verliert durch Lösungswasser größtenteils seinen Kalkanteil, der in der Tiefe wieder ausgeschieden, möglicherweise zum kalkigen Zement vieler Groppensteine geworden ist; Löß geht so in Lößlehm über. Die obere braune Lehmdecke unserer Schottergruben, ja über dem Eiszeitschotter des Gebietes überhaupt, ist sicher größtenteils ein solches Entkalkungsprodukt einstigen Lösses. Vielleicht findet die auffallend starke Schwankung in der Dicke der Haager Lehme auch durch dünenartige Anwehungen früheren Lösses ihre Erklärung. So beträgt die Mächtigkeit der Lößlehmdecke im Hangenden der Loderleite etwa 18 m. Ein Teil der Haager Lehme aber geht auch auf Verlehmung der darunter befindlichen Schotter selbst zurück. Diese Lehme sind Verwitterungslehme. Beide Arten liefern das Rohmaterial für Ziegeleien (z. B. Gruber-Penzing).
Zusammenfassung
Obwohl kein einziger der Ennstalgletscher das Alpenvorland und so auch das Haager Gebiet erreichte, stand das Land dennoch im Banne der Eiszeit, unter "glazialer Fernwirkung". Die Schotter um Haag sind ein durch die Schmelzwässer eines Ennstalgletschers aufgearbeiteter und umgelagerter Moränenschutt, der in das Vorland hinaus verfrachtet und dort in Gestalt eines weit aufgefächerten Schwemmkegels abgesetzt wurde. Gesteinsverwitterung im Gebirge, Eis und strömendes Wasser wirkten bei ihrer Entstehung zusammen.
Der Moränenschutt stammt vom ältesten Ennstalgletscher der Eiszeit, dem Günzgletscher, der nur bis in die Gegend von Admont vorgedrungen sein dürfte. Die Aufschüttung der Schotter im Vorlande setzte mit dem Rückzug des Günzgletschers ein, sie fällt also in die Günz-Mindel-Zwischeneiszeit. Staubstürme einer späteren Zeit setzten Löß über dem steppenartigen Lande ab, der durch seine Verwitterung zum Lößlehm, Träger der Kulturen wurde. Ein Teil der Haager Lehmdecken ist aber auch Verwitterungslehm der Schotter selbst.