Die Schlier- oder Molassemeere des Haager Gebietes
Die erste oder Günzvereisung zusammen mit der ihr folgenden Günz-Mindel-Zwischeneiszeit, die für die Entwicklung der Haager Landschaft so bedeutungsvoll sind, dauerte nach Meinung führender Geologen von etwa 600.000 bis 500.000 vor Christus. Gehen wir noch weiter, ja sehr weit in der erdgeschichtlichen Entwicklung Haags zurück, so kommen wir in die Tertiärperiode, die den unvorstellbar großen Zeitraum von nahezu 60 Millionen Jahren (bis etwa 800.000 vor Christus) umfasste
Damals war Haag vom Meere bedeckt. Nicht immer zwar; denn teilen wir die ganze Tertiärperiode in Epochen, die mit der Annäherung an die Gegenwart als Paläozän, Eozän, Oligozän (diese drei sind das Alttertiär), ferner als Miozän und Pliozän (beide bilden das Jungtertiär) bezeichnet werden, so war es zunächst im Miozän, genauer im Untermiozän (Burdigal), als in der Vorlandsenke ein zwar schmaler, aber sehr langer Meeresarm dahinzog; stand dieser doch im Südwesten mit dem Mittelmeer (der Tethys) in Verbindung, von wo er entlang des Außensaumes der bereits gefalteten Sandsteinzone des Alpen-Karpathen-Bogens über das Rhonetal, die Schweiz, Bayern, Österreich, das Schwarze Meer bis zum Kaukasus reichte. Wenn so das Untermiozän- oder Burdigalmeer von Haag der Längserstreckung nach in seinen großen Rahmen gestellt wurde, ist es nicht minder notwendig, auch die nördliche und südliche Grenzzone dieses Meeres zu beachten, da gerade sie, wie gezeigt wird, wesentlich am Aufbau des Haager Landes beteiligt sind.
Nördlich des Meeres lag das „Mühlviertler" Bergland, das einen Teil des sogenannten Außeralpinen Grundgebirges oder des Böhmischen Massivs bildet. Es ist uraltes Land und war schon damals zur Tertiärzeit, so wie heute, ein tief abgetragener Rest der einst mächtigen Variskischen Gebirgskette, die über Mitteldeutschland zum Französischen Zentralplateau und von da als Armorikanisches Gebirge nach Südengland-Irland zog. Beide Äste bilden das Herzynische System. Die Auffaltung dieses mächtigen Gebirgszuges geschah vor der Oberen Steinkohlenzeit (Ausgang des Erd-Altertums), zu einer Zeit also, da unsere Alpen noch vollständig fehlten. Näherhin gehört das Mühlviertler Bergland zur Moldau-Donau-Scholle des Massivs, das vorwiegend aus Gneisen und Graniten besteht, welch letztere vermutlich im Zuge der Gebirgsbildung aus dem Glutfluss der Tiefe (dem Magma) entstanden sind. Diese Gesteine des Grundgebirges sollen fortan als „Kristallin" bezeichnet werden.
Im Süden des Miozänmeeres dagegen lag die Sandsteinzone der Alpen, die heute als lang hingestreckte, sanft geschwungene Rücken in Erscheinung tritt und, erstarrten Wellen gleich (Blick vom Sonntagberg!), mit den Höhenzügen Sonntagberg-Blümelsberg-St. Michael-Plattenberg-Damberg gegen das Alpenvorland ausklingt. Baustoffe dieser Zone sind vor allem Quarzsandstein und zwischengeschaltete Mergel, deren Verwitterungslehme oft Anlass zu Rutschungen, zum Fließen des Bodens geben, weshalb das ganze Gestein mit dem Schweizer Ausdruck Flysch bezeichnet wird. Die Schichten dieser Zone werden in die Kreideformation (Ausgang des Erdmittelalters) und in das frühe Alttertiär (Eozän) gestellt; ihre Bildung mag vor etwa 30 bis 35 Millionen Jahren ihren Abschluss gefunden haben."
Damals nun, als das Unter-Miozänmeer in der Haager Senke flutete, war das Flyschgebiet, dessen Gestein durch gewaltige gebirgsbildende Kräfte gegen Ende des Alttertiärs gefaltet wurde, bereits wieder den Kräften der Verwitterung und Abtragung überantwortet, die das Gebirge teilweise zerstörten und erniedrigten.
Schlier, dieses tonig-mergelige, feinsandige und grau-gelbe bis grau-blaue Gestein, wie es von der Loderleite, von den Bachanschnitten und andernorts im Haager Lande zur Genüge bekannt ist, ist nichts anderes als das Zerstörungs- und Abtragungsprodukt der Flyschzone (und des kalkalpinen Hinterlandes), das in das Becken des Miozänmeeres eingeschwemmt wurde.
Diese Einschüttung war sicher eine sehr starke, da die Mächtigkeit des Miozänschliers in der Beckenmitte, etwa unter dem engeren Stadtgebiete von Haag, über 400 m beträgt, eine Schätzung, die durch spätere Begründung durchaus erhärtet werden kann. Andererseits aber weisen gewisse Gesteinseigentümlichkeiten, wie Wellenschlagfurchen, oder Lebensspuren, wie Grabgänge von Tieren, auf den Schichtflächen des Gesteines, ferner starke Durchsandung mancher Schlierhorizonte namentlich unseres, im engen Vorlandabschnitt liegenden Gebietes, auf eine Flachsee hin, was wohl nur durch die Annahme verständlich wird, dass die gewaltigen Schliermengen bei gleichzeitiger Absenkung des Vorlandbeckens zum Absatz kamen.
Anschließend sei bemerkt, dass im einstigen Küsten- und Flachseegebiet des gleichen Meeres, um Eggenburg z. B. oder um Horn, zahlreiche Reste von Seetieren gefunden wurden, die auf ein wärmeres Klima hinweisen, als es heute vorhanden ist, ja manche unter ihnen Anklänge an die heutigen Meeresfaunen West- und Hinterindiens und der Philippinen verraten. Zeugen für wärmeres Klima jener Zeit sind schließlich auch die Braunkohlenflöze von Langau bei Geras, die in den Ufersümpfen des Miozänmeeres entstanden.
Wie schon eingangs erwähnt, sind Reste vorzeitlicher Pflanzen und Tiere wertvolle Hilfsmittel zur Altersbestimmung der Gesteine. Es ist von Bedeutung, dass es in neuester Zeit gelang, die zeitliche Feingliederung der Schlierschichten nicht so sehr auf Funde größerer Tierreste, sondern auf Klein- oder Mikrofossilien zu stützen, was den Vorteil hatte, nun auch Tierreste aus größeren Tiefen (Material der Tiefbohrungen) unzertrümmert untersuchen zu können.
Von den Resten dieser Kleintierwelt sind es vor allem die Schälchen und Stäbchen der Siebtierchen oder Foraminiferen („beschalte Amöben"), die nunmehr als Leitformen zur Altersbestimmung mit Erfolg herangezogen werden.
Dabei zeigte es sich, dass für den Schlier unseres Meeres (Unter-miozän- oder Burdigalschlier) die kleinen Stäbchen der Foraminifere Bathysiphon filiformis Sar. kennzeichnend sind, so dass auf Grund verschiedener Schlämmproben, so aus dem Schlier der Loderleite, dann vom Schmied in Weinzierl (aus 1 m Tiefe), nahe dem Erlabache, ferner von der Freitagmühle, dieses Gestein eindeutig als Untermiozän bestimmt werden konnte. Nach dem gleichen Vorkommen in Bad Hall wird dieser Schlier auch Haller Schlier genannt.
Dagegen enthielten z. B. Schlämmproben aus den obersten Schichten des Marksteingebietes (Feuerhuber/Schaumlos) nicht nur eine bedeutend reichere Anzahl von Tierresten, sondern an Foraminiferen neben Globigerinen, Nodosaria ottnangensis, auch Robulus inornatus d'Orb., die auf einen Schlier hinweist, der zuletzt abgelagert wurde und deshalb den Haller Schlier überdeckt. Das war zur Zeit des Helvet, einer Epoche des Mittelmiozäns, da sich das Meer endgültig aus dem Haager Raum zurückzog.
Das vereinzelte Vorkommen des Robulus- oder Helvetschliers im Marksteingebiet lässt wohl auf weitgehende spätere Abtragung dieses Verlandungsschliers nach dem Rückzug des Meeres schließen.
Am Ende der Tertiärzeit (Pliozän) traten — zunächst in hoher Lage — Gewässer aus den Alpen, die Quarzschotter aufschütteten, die heute noch, wenn auch in kümmerlichen Resten, einige der höchsten Schlierkuppen bedecken, so den Markstein, die Felder über Unreinfussen, Hummelberg (Pfusterschmied) u. a. ... Ein Teil der pliozänen Quarzschotter mag in die tiefer gelegenen Deckenschotter abgeschwemmt worden sein.
Das Oligozänmeer von Haag
Indessen ruht der mächtige Haller Schlier des Haager Landes, den wir als Ablagerung des Unter-Miozänmeeres erkannt haben, nicht unmittelbar auf dem felsigen Grunde des Vorlandbeckens, vielmehr ist er annähernd schüsselförmig in einen noch älteren Schlier eingebettet, der auf eine vorausgehende Meeresbedeckung zur Zeit des Oligozän (Chattstufe-Alttertiär) verweist.
Die Beckenfüllung des Oligonzänmeeres beginnt mit einer Reihe von Konglomeraten (Geröllen), Sandsteinen und Sanden, die bei Wallsee, Perg . . . am Massivsüdrande als an der Nordküste dieses Meeres ausstreichen. Diese Strandsande, auch Linzer oder Melker Sande genannt, stammen vom Granitgrus des felsigen Bodens, der beim Übergreifen des Meeres leicht aufgearbeitet wurde. Nach Süden, gegen das Vorland zu, schließt wiederum Schlier an, der aber im Gegensatz zum jüngeren Haller Schlier meist als dunkel-bis schwarzgrauer, auch schokoladebrauner (bituminöser) und gut geschichteter Ton entwickelt ist (gegen den Alpenrand zu scheint er stellenweise mergelig entwickelt zu sein). Charakteristisch für diesen Oligozänschlier ist die Führung zahlreicher Fischreste, vor allem von Meletta-Schuppen (Meletta, ein heringähnlicher Kleinfisch), weshalb wir ihn Meletta-Schlier nennen wollen. Aus seinem Foraminiferenbestande seien als Leitformen Cyclammina gracilis Grzb. und die bereits mit freiem Auge sichtbaren Stäbchen von Bathysiphon taurinensis Sacco erwähnt.
Auch dieser ältere Schlier ist wesentlich Baustoff des Haager Landes. An einer Linie, die etwa von Henning (Haustein) westwärts über den Raabberg zum Grubbauer bei Aigenfließen zieht, taucht er, von der Donau kommend, unter den jüngeren Haller Schlier ein, unterlagert ihn und streicht im Süden an der Linie Adersdorf-Weistrach-Zauchasteg wieder aus, um schließlich unter der Flyschzone zu verlaufen. Dieser alte Meeresarm war also breiter als das heutige Vorland, wir dürfen den gegenwärtigen Nordsaum der Sandsteinberge nicht als Küstenlinie des Oligozänmeeres betrachten. Die Erklärung dafür folgt später. Jedenfalls aber wird die Stadt Haag von einer mächtigen Schliermasse getragen, die, Haller- und Melettaschlier zusammengenommen, nach gut begründeter Schätzung gegen 800 m beträgt.
Vergleichen wir nun zusammenfassend die Schichtenfolge des Haager Landes mit einem Stoß von Kartenblättern, von denen jedes Blatt eine Erdschichte darstellt, so haben wir bisher nichts anderes getan, als Blatt um Blatt abgehoben, um so - es vorausnehmend - auf den felsigen Untergrund zu gelangen. Die einzelnen Blätter aber stellen nicht nur eine Gesteinsschichte dar, sondern sind auch Abbild eines Vorganges, eines Geschehens, das zu ihrer Entstehung führte.
1) Im Stadtgebiete folgen von oben bis unten:
- Lehmdecke (Löß- und Verwitterungslehm)
- Konglomerat-Groppenstein (fluvioglazialer Deckenschotter)
- Haller Schlier (Untermiozänmeer)
- Melettaschlier (Oligozänmeer-Chattstufe)
- Gerölle, Sande . . . (Liegendserie)
- Felsiger Untergrund.
2) Aufbau des Marksteins:
- Flussschotter aus Quarz (Pliozän-Jungtertiär ; nach der Verlandung. Lesesteine auf den Feldern)
- Schlierlehm
- Helvet- oder Robulusschlier (Verlandung-Mittelmiozän)
- Haller Schlier (Untermiozänmeer)
- Melettaschlier (Oligozänmeer)
- Liegendserie (wie oben)
- Felsiger Untergrund.