Die Deckenschotterzeit im Raume von Haag
Der Groppenstein — Zeuge der Landschaftsentwicklung
Einer der besten Aufschlüsse des Landes ist wohl die Loderleite westlich von Haag, am rechtsseitigen Ufer der Enns, dort, wo der Fluss in seinem Laufe von Steyr gegen die Stadt Enns hin weit nach Osten ausbiegt und am Prallhang im Tiefen- und Seitenschurf eine über 85 m hohe Steilwand freigelegt hat, die so einen direkten seitlichen Anblick der Schichtenfolge gewährt, welche das Haager Land aufbaut. Eine etwa 64 m hohe Wand aus graublauem Schlier wird dort überlagert von einer Bank rostfarbener Schotter, die zu einem Konglomerat, hier Groppenstein genannt, verfestigt sind. Das Hangende der Schotter ist eine Löß - Lehmdecke mit dünner Humusauflage, welche die ganze Schichtfolge oder das Profil abschließt. Längs der Ausstrichlinie von Schotter und Schlier tritt Wasser aus, das die "Racheln" genannten verzweigten Rinnen erzeugte, die im oberen Teile der Schlierwand deutlich zu sehen sind. Derartige Schichtquellen, die zwischen dem wasserführenden Schotter und der tonigmergeligen wasserstauenden Schlierunterlage austreten, sind hierzulande keine seltene Erscheinung.
Indessen begegnen uns die gleichen Schotter und Groppensteine wie an der Loderleite an zahlreichen Stellen des Gebietes. An der breiten Front des Abfalles der Haager Hochfläche zum sogenannten Niederterrassenfeld an der Enns, vom Wachtberg im Süden bis über Ernsthofen hinaus im Norden, zeigen immer wieder dort angelegte Schottergruben das gleiche Gestein (oberhalb Ramingdorf und Haidershofen z. B.). Ferner: die zahlreichen Anschnitte des Schotters, etwa bei Mosing, an den Talhängen des Erlabaches (Stampf, Pernersdorf, Veigl . . .), der Einschnitt der Westbahn, die Schottergruben von Seilergstetten, Klingenbrunn, Paga (Schwabenmayr) usw. lassen erkennen, dass diese örtlich sehr mächtigen Schotterkörper über weite Gebiete flächenhaft oder deckenförmig ausgebreitet sind, weshalb sie den Namen Deckenschotter vollauf verdienen. Es ist eine gewaltige Decke, die im Raume Wachtberg bei Steyr-Voralpenstraße-Weistrach-St. Johann-Paga-Stadt Haag-Weinzierl-Ennsfluss eine mehr geschlossene Platte, die Enns-Ybbs-Platte, darstellt, den Ennswald trägt, nord- bis ostwärts aber gegen die Schlierhöhen ausstreicht (Dirnberg, Imberg, Hummelberg . . .). Deckenschotterreste begleiten jenseits der breiten Wasserscheide zwischen Haltestelle und Station Haag auch das Url- und Trefflingtal; westlich der Enns, auf oberösterreichischem Boden, bauen sie große Teile der sogenannten Traun-Enns-Platte auf.
Wie ist dieses weite und mächtige Schotterfeld entstanden, wie seine Höhenlage gegenüber der heutigen Enns zu erklären? Vielleicht geben Profil und Material einer Schottergrube darüber nähere Auskunft.
In Seilergstetten sehen wir auf den ersten Blick den eigenartigen Aufbau einer solchen Grube. Große Blöcke von Groppenstein liegen abgesprengt auf dem Boden, der übrigens an einigen feuchten Stellen den nahen Schlierhorizont anzeigt (in etwa 1 m Tiefe); so kann die Gesamthöhe der Decke abgeschätzt werden; sie beträgt rund 17 m. Der Schotter ist nur teilweise zu Konglomerat verkittet, sonst aber zeigen sich Bänke von losen Steinen, oft rasch auskeilende Sandlassen, oder auch sandig-tonige Nester sind zwischengeschaltet, also Grob- und Feinmaterial in wechselnder Lagerung, aber bankweise nach annähernd gleicher Größe seiner Teile sortiert und geschichtet. Das war einstige Arbeit strömenden Wassers und die schwankende Wasserführung und wechselnde Stoßkraft machen verständlich, warum bald grober Schotter, bald Schlamm oder Fein-Kies abgesetzt wurden.
Und dann die Form des Gesteins: nicht eckiger Schutt, sondern Gerölle und kantengerundete flache Geschiebe (Plattier), wie sie in hochwasserführenden Flüssen entstehen, indem das ursprünglich eckige Gestein gerollt oder am Boden weitergeschoben wird, wobei das entstandene Gesteinsmehl als Schleifpulver dient und das Gestein abrundet.
Die Überlegung, dass die nur jahreszeitlich bedingten Schwankungen der Gewässer und selbst der sehr ansehnliche Geröll- und Geschiebetransport der Hochwässer heutigen Stils für damals, als die Schotter unserer Grube entstanden, nicht ausgereicht hätten, um eine Großaufschüttung, wie sie der Deckenschotter zweifellos ist, im Alpenvorland zu vollbringen, führt zum Schluss, dass bedeutende Klimaschwankungen und als Folge davon Hochwässer mit ungleich größerer Schleppkraft, ja auch gesteigerte Schuttlieferung bei jenem Vorgang im Spiele gewesen sein mussten
Eine solche Zeit starken Klimawechsels, gewaltiger Schmelzwässer und sicher auch größter Schuttlieferung war die Eiszeit. Ob in ihr die gesamte Masse des Deckenschotters auch erzeugt wurde, ist eine andere Frage. Die Erörterung des Schutt- und Wasserhaushaltes eines heutigen Gletschers wird uns indessen die damaligen Naturereignisse näherbringen; auch die Frage, ob Haag von einem Gletscher überflossen wurde oder nicht, kann dann entschieden werden.
Vorerst sei bemerkt, dass die Haager Schotter aus dem Ennstal stammen. Es ist ein oft buntes, hartes und widerstandsfähiges Material, das sie zusammensetzt: Überwiegend Gerölle und Geschiebe von Kieselgesteinen (Quarzite) von weißlicher, gelblicher, auch grauer und rötlicher Farbe; daneben Gneise, Hornblendeschiefer . . . , Gesteine also, die auf die Zentralalpen (und die Schieferzone) verweisen; dazu Sandsteine, während die weicheren Kalke zurücktreten; im ganzen gesehen, gebietsfremdes Gestein, das ein entsprechendes Einzugsgebiet und Alter jener Gewässer verlangt, durch die es ursprünglich abgesetzt wurde. Daher scheiden die jungen Vorlandbäche für die Schotterzufuhr aus; liegt doch zudem der Haager Bach zur Gänze im Vorland, Erla und Zaucha entspringen dem Rande der Sandsteinberge im Süden, das Ybbstal bestand zwar schon vor der Aufschüttung der Haager Schotter, hat aber seine Wurzel im Kalkgebiet, so dass für den Gesteinstransport, vor allem im Hinblick auf die Kiesel, die kristallinen Gerölle und Geschiebe, das Ennstal in Frage kommt, das in den Zentralalpen (Niedere Tauern) beginnt, die Schiefer-, Kalkalpen- und Sandsteinzone durchzieht und schließlich in das Alpenvorland austritt.