Das Felsgerüst in der Tiefe
Wir wenden uns wieder dem Außeralpinen Grundgebirge, dem Böhmischen Massive zu, dessen österreichische Anteile nördlich der Donau geographisch als Mühl- und Waldviertel bezeichnet werden. Nun ist bekannt, dass der Südrand des Mühlviertler Gneis- und Granitplateaus eine Zone darstellt, in der die Randgebiete des Massivs durch Abbiegungen und Bruchbewegungen weitgehend zersplittert und so in eine Becken- und Schollenlandschaft aufgelöst wurden.
Das Gallneukirchner Becken nördlich von Haag und jenseits der Donau ist ein klassisches Beispiel einer solchen durch Verwerfung entstandenen Senke, die Südost-Nordwest gerichtet, tief in das Mühlviertel eingreift. "Mauergleich" steigt hier das Kristallin der Südwestflanke des Beckens, an der Mauthausen liegt, empor, während der Nordost-Rahmen, der gegen Wallsee hinweist, bruchlos ist, so dass ein einseitiger Grabenbruch vorliegt.
Im Zuge der weiteren Forschung wurde nun zweierlei bekannt: nicht nur das eine, dass der Massivsüdrand, das Gestein des Mühlviertler Landes, unter die tertiären Vorlandschichten hinabtaucht und sie zutiefst unterlagert, noch mehr, dass die Randgebiete des Massivs ungleichmäßig absinken und als begrabene Untergrundrücken sich im Vorlande fortsetzen.
Tatsächlich konnte eine Granitaufragung mitten im Schliergebiet (beim Angerbauer in Engelberg, Süd der Donau), sowie zwei Tiefbohrungen gegen Seitenstetten hin beweisen, dass der Südwest-Rahmen des Gallneukirchner Beckens, d. i. die Hohensteinscholle dieses Rahmens, sich als Untergrundrücken im Vorlande fortsetzt, dem man den Namen "Rücken von Altenhofen-Strengberg" gegeben hat.
Die eine Tiefbohrung, St. Johann 1, wurde bei Dehendorf (St. Johann in Engstetten) niedergebracht und durchteufte folgende Schichten:
0.00 bis 5 m : rotbrauner Lehm (= im Quartär umgelagerter Miozänschlier).
5.00 bis 561 m: Miozän-Haller Schlier; sandige Mergel und Sandsteine.
561 bis 630 m: Oligozän-Meletta-Schlier; mergelige Tone und Tone.
630 bis 643 m: kristallines Grundgebirge: Cordieritgneis, ein Misch- bis Perlgneis.
Beide kristalline Gesteinsarten, der Biotitgranit vom Granitaus-biß beim Angerbauer, wie der Cordieritgneis der Dehendorfer Bohrung, bauen auch den Kristallinrahmen des Gallneukirchner Beckens auf. Mischgneise sind "Injektionsgneise", d. h. älteres Gestein wird durch eindringende Stoffe schmelzflüssiger oder anderer Art chemisch verändert und gleichzeitig findet eine Umkristallisation des älteren Materials statt (Kontaktmetamorphose). Perlgneise sind körnig-streifige Gneise mit Feldspatknoten. Cordierit, ein wasserhaltiges Magnesia-Eisen-Tonerde-Silikat.
Den Untergrund des Vorlandes bildet also hier ein Granit-Gneisboden. In gleicher Linie, süd-ostwärts, liegt die Stelle der zweiten Tiefbohrung - St. Johann 2 - am Leitenbache bei Adersdorf, nördlich des Bahnhofes St. Peter-Seitenstetten. Sie zeigt
bis 596 m Tiefe: Miozän-Haller Schlier
596 bis 642 m: Oligozän-Melettaschlier
642 bis 707 m: Oligozänbasis (Liegendsande, Gerölle . . .), die bereits den nahen Beckengrund anzeigt. Die Bohrung wurde hier eingestellt.
Eine dritte Bohrung, Altenhofen 1, knapp neben der erwähnten Granitaufragung beim Angerbauer, an der Straße Sankt Pantaleon/Au, wurde bei 534 m Tiefe eingestellt, ohne das Grundgebirge erreicht zu haben; sie prüfte die Nordostflanke des Untergrundrückens und bewies den Steilabbruch zu einer Rinne, die als Süd-Ost-Fortsetzung des Gallneukirchner Beckens zu gelten hat.
Die Südwestflanke dieses Rückens dagegen verläuft nach anfänglicher Versteilung wieder flacher. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim Untergrundrücken von Wallsee, in Oberösterreich bei Taufkirchen usw. Das Grundgebirge in der Tiefe des Alpenvorlandes ist hier also keine Felsschale, sondern zeigt das Relief einseitiger Grabenbrüche, von Senken zwischen Kristallin-rücken, die am Boden des Vorlandes durchziehen.
Daraus gewinnen wir das Ergebnis :
Das Haager Gebiet liegt über der flach absinkenden Südwestflanke des im Vorlande begrabenen Untergrundrückens von Altenhofen/ Strengberg, der die südöstliche Fortsetzung der Hohensteinscholle des Gallneukirchner Beckens nördlich der Donau ist. Der Granit-Gneisboden des Grundgebirges liegt schätzungsweise gegen 800 m unter der Stadt.
Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass die Ansatzpunkte der Tiefbohrungen, die im Zuge der Erdölforschung niedergebracht wurden, nur auf Grund von Vermutungen des praktisch arbeitenden Geologen gewählt wurden. Dieser stellt allerdings die Vorkommensmöglichkeiten bestimmter Erdschichten fest. Erst nach sorgfältiger Prüfung des Bodens durch sogenannte seismische Verfahren, die einem Abtasten des Untergrundes von der Oberfläche aus gleichkommen und Tiefenberechnungen (Refraktionsseismik) gestatten, wurden die Bohrpunkte gewählt.
Das seismische Verfahren beruht auf den elastischen Eigenschaften der Gesteine. Durch Sprengladungen werden künstlich Bodenerschütterungen erzeugt, sodann die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Wellen im elastischen Gestein bestimmt; aus den Laufzeitkurven kann die Schichttiefe annähernd berechnet, ja auch, und je nach Umständen, ein Schluss auf die Art des Gesteins gezogen werden. Solche Laufzeit-Pläne sind auch für das niederösterreichische Alpenvorland erarbeitet worden.