Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

Hilfen für die private Frömmigkeit

Das Vesperbild (siehe Foto) — die Statue der Schmerzhaften Muttergottes — mit den brennenden Lichtern davor lädt besonders zum Beten ein. Im flakernden Aufzucken der Lichter werden die vielen stillen Bitten in der Not des Menschenherzens dargestellt und unterstützt.

Der Kreuzweg (siehe Foto) von Peter Dimmel, ei­nem taubstummen Künstler aus Linz. Dieser Weg Jesu ist auch unser Weg in irgendeiner Form, zumindest in unserem Sterben. So bin ich in meinem Leben geborgen, hineingenommen in den Weg Jesu bis zu meiner Aufer­stehung.

Das Bild der Krönung Mariens (siehe Foto) ist ein Werk von B. Altomonte 1746. Der Weg der Gottesmut­ter führte, so wie es hier zum Ausdruck kommt, zur Freude, die nie aufhört. Auch wir möchten an dieses Ziel gelangen. Dabei werden wir wie Kinder von der Mutter Maria begleitet.

Wir brauchen im Leben immer das Aufschauen zu Men­schen, die das Leben gemeistert haben und vollendet sind. Daher befindet sich beim Taufbrunnen ein Bild der Vierzehn Nothelfer und im Kirchenraum verteilt vier Heiligenstatuen aus der Barockzeit (siehe Fotos). Sie sind uns Zeichen, dass wir viele unsichtbare Le­bensbegleiter und Helfer in Freud und Leid haben. Ein Vermächtnis dafür, dass wir nicht nur hier an diesem Ort als Volk Gottes gelebt haben, sondern es auch bleiben.

Die Liturgie ist der Höhepunkt'', dem das Tun der Kir­che zustrebt und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt. Um diesen Höhepunkt und diese Quelle noch besser zu erschließen, versuchten wir 1972/73 den Weg über die Hausmessen. Unter Mithilfe unserer Kommunionhelfer, Herrn Fehringer, Herrn Hintermayr und Herrn Lehner, und in Zusammenarbeit mit dem Pfarrgemeinderat wurde es möglich, in 19 Häusern der Stadt und 28 Häusern auf dem Land, gemeinsam mit der jeweiligen Nachbarschaft, die heilige Messe zu feiern. Für uns war es nicht ein Weg, der das Heilige entsakralisieren sollte, sondern im Gegenteil, um den Menschen zu helfen, die Begegnung mit Gott zu erschließen und zu vertiefen. Außerdem war für uns alle zu spüren, was Je­sus mit der Stiftung der Kirche gemeint hat — eine Ge­meinschaft zu sein, von der gelten sollte, was er in den Abschiedsreden gesagt hatte: „Dies ist mein Gebot: Lie­bet einander, wie ich euch geliebt habe" Joh 15,12.

Im Konzil mahnt die Kirche'', die Verehrung der seligen Jungfrau Maria, vor allem die liturgische, großmütig zu fördern und die Gebräuche und Übungen der Andacht zu ihr, die im Laufe der Jahrhunderte vom Lehramt empfohlen wurden, hochzuschätzen. Bereits 1856 wurde hier in unserer Kirche die erste Maiandacht gehalten. Es war dies die Folge des Aufbruches der marianischen Frömmigkeit nach der Dogmaverkündigung von der „Unbefleckten Empfängnis" 1854. Kaum ein Ereignis hat sich, wie Pfarrer Reichhardt berichtet, so tief ins religiöse Leben der Pfarre eingeprägt. Die Ereignisse in Lourdes 1858 haben dazu beigetragen, diese Eindrücke

noch zu verstärken. 1951 im „Heiligen Jahr der Hei­mat", ein Jahr vor meiner Priesterweihe, habe ich mit drei Kollegen eine Pilgerfahrt nach Lourdes mit dem Fahrrad unternommen. Die Hilfe der Gottesmutter war für mich ein heiliges Vermächtnis. Bewogen durch dieses persönliche Erleben und die Tradition marianischer Frömmigkeit in der Pfarre, wurden seit 1969 die Maian­dachten nicht nur in der Kirche, sondern auch bei den einzelnen Kapellen und Marterln im Pfarrgebiet gehal­ten. 34 dieser Andachtsstätten, die über die ganze Pfarr­gemeinde verteilt sind, wurden zu einem lebendigen Be­weis unserer Liebe zur Gottesmutter. Manche von ihnen waren erst gebaut oder renoviert und gesegnet worden. Viele sind bei einer Andacht Anziehungspunkt für 50 bis 100 Gläubige, Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis zum Greisenalter hin, die alljährlich im Mai im Singen von Marienliedern und Beten des Rosenkranzes sich gemeinsam in der Liebe zur Mutter Jesu geborgen wissen.

3. Diakonie (Caritas) „Arme werdet ihr immer unter euch haben" Mt 26, 9.

In einer Diskussion im „Club 2" des ORF (Donnerstag, 28. Jänner 1982) wurde die Wahrheit dieses Satzes klar dargestellt. Es ist uns auch heute, trotz aller Bemühun­gen der zuständigen Stellen des Staates, nicht gelungen, die Armut vollständig zu beseitigen; weder bei uns in Österreich noch in den verschiedensten Winkeln der Welt. Es lässt sich das Leben nie so absichern, dass es — risikobefreit — für jeden ein Paradies wird.

Die Kirche hat diese Tatsache aber nicht in einer fatali­stischen Haltung hingenommen, sondern sich allezeit herausgefordert gewusst von ihrem HERRN selber: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan." Die Verkündigung hat die Jahrhunderte hindurch die Liebe des Vater Gottes zu den Menschen so dargestellt, dass jede religiöse Einengung überwunden wurde, so sehr, dass Beten immer zum Tun, in diesem Fall zum Helfen, führt.

Die Aufgaben, die den Menschen einer bestimmten Zeit gestellt wurden, waren einem ständigen Wechsel unter­worfen, der Anruf aber bleibt derselbe. Manches, was die Kirche begonnen hat, wird von der Öffentlichkeit übernommen, manches ändert sich in den Wandlungen des gesellschaftlichen Lebens, manche Aufgaben erübri­gen sich von selbst. So stehen die Kirche und die Men­schen, die sich in ihr beheimatet wissen, immer vor neuen Aufgaben.

Was besonders in unserer Haager Geschichte auffällt, ist das Vorangehen der Haager Pfarrer in der ständigen Verwirklichung der Nächstenliebe. Alle haben sicher auch ihre menschlichen Fehler gehabt, legen aber immer durch das eigene karitative Tun wichtige Grundlinien für ihre Mitchristen fest. Es klingt zwar für uns heute als Kleinigkeit, was im Testament von Pfarrer Vitus Daniel Götz 1713, neben anderen großen Bestimmungen festge­halten ist", zeigt aber den Geist: Es geht ihm immer um den Menschen, der hier lebt, um die Gemeinschaft mit ihm, um seine Bedürfnisse, um seine Not. So heißt es im Pkt. 8: . . den 2 Nachtwächtern im Markt Haag, wel­che sich gar elend betragen müssen, alljährlich zu einer Beihilf 6 Gulden reichen zu lassen" und er verbietet aus­drücklich, diese 6 Gulden durch Brot, Getränk oder an­deren „eigennützigen Vorteil" ersetzen zu lassen.

Wenn er 65 Gulden für den Schulmeister festsetzt, als Schulgeld, damit jeder schreiben und lesen lernen kann, und den Dankrosenkranz der Schulkinder im Winter (wegen der armseligen Kleider) von der Kirche in die Schule verlegt, wird echte Mitmenschlichkeit, oder noch einfacher gesagt, sein gutes Herz gezeigt.

Genau auf dieser Linie liegt auch eine Protokollab­schrift" von 1791, die auf den alten Vertrag zwischen der Vogtei Salaberg und der Pfarre Haag von 1624 zu­rückverweist, in der es heißt: „Weil in vorigen Zeiten die Burger im Markt Haag bei weitem nicht so wohlhabend sind wie dermalen, sondern durchaus sehr arme Leut waren, ist selben aus besonderer Gnade die ganze Roboth für beständig nachgelassen worden." Dieses Schreiben betraf die namentlich angeführten 38 pfarr­lichen „Unterthanen" im Markt.

In dem Vertrag 1624 wird besonders auf die große Mü­he und Arbeit der Bürger hingewiesen, und dass das ge­bräuchliche An- und Abfahrtsgeld von 32 Pfennig „zur mehreren Auferbauung gedachten Marktes eingehoben werden soll". So sehr waren diese Pfarrer am Wachsen des Ortes interessiert.

Man kann in Haag nicht von Caritas reden, ohne auf die Bemühungen, den Kranken zu helfen, einzugehen. Das vom Grafen von Salburg gestiftete Spital wird vom Gra­fen Norbert von Salburg 1746 zwar mit einer Schenkung verbessert, ist aber nur für die „Unterthanen der Herr­schaft Salaberg" bestimmt". Da zu all diesen Zeiten ein Armenfonds im sogenannten Armen-Institut der Pfarre bereits bestand, so ist es nicht verwunderlich, dass der Wunsch der Bevölkerung nach einem Spital — für alle zugänglich — immer intensiver wurde. Dechant Panni schrieb noch: „Mit dem Spitale zu Haag hat sich ein je­weiliger Pfarrer nicht zu befassen" (1820). Aber schon sein Nachfolger Gottfried v. Dreger (1825-1833) be­mühte sich intensiv um die Errichtung eines Bürgerspitals (heute Wiener Straße 14). Es wurde an einen klei­nen Beginn für acht Personen (4 weiblich, 4 männlich) gedacht. Aber bereits bei der Errichtung des Gebäudes wurde auf die Möglichkeit der Erweiterung hingewiesen. Die Verpflegung sollte durch das angeführte Armen-In­stitut der Pfarre, und, wenn dies nicht reichte, auch durch Naturalspenden der Gemeindeglieder, wie letztere in der hiesigen Pfarre von alters her eingeführt ist, si­chergestellt werden. Aß Pfarrer Dreger mit seinem ei­genen Kapital den Anfang vorwärtsgetrieben hat (350 Gulden Schenkung, Ankauf der notwendigen Bausteine, Einsatz seiner Wirtschaftspferde, Pfarrgrund miteinbezogen), lässt ihn als Hauptinitiator erkennen.

Es klingt etwas bitter, wenn nach den Bemühungen die­ses großartigen Mannes es 1851 in der Pfarrchronik heißt:" „Leider wurde es im Jahre 1849 zum Bezirksamt verwendet. Es befinden sich darin die Wohnung des k. k. Bezirksvorstehers und des Gerichtsdieners samt allen Kanzleien. Somit hatte die Pfarre wieder kein Spital."

Erst mit dem Bau des Erholungsheimes gegen Ende des Jahrhunderts sollte der Gedanke wieder aufgegriffen werden. Wie sehr das Anliegen der Krankenpflege auch nach der Aufgabe des Spitals weiterwirkte, können wir aus der Aufstellung einer Doktorrechnung" von 1852 ersehen.

Wie die Pfarrbevölkerung auch damals bereits über die unmittelbar ins Auge fallende Not des Mitmenschen in der eigenen Pfarre im Helfen hinausging und sogar die vielen Verwundeten und Kriegsinvaliden der Schlacht von Magenta (1859) einbezog, beweist ebenfalls eine Eintragung in der Pfauchronik: „Ich und meine Geist­lichen gingen in der ganzen Pfarre herum, um die Almosen für die armen Soldaten einzusammeln. Da zeigte sich die Opferwilligkeit auf das Glänzendste . . . alles gab und zwar mit Freuden, selbst die Dienstboten woll­ten nicht zurückbleiben und so sammelten wir über 1800 Gulden und noch viel Silber ein, was ich alles dem hiesi­gen k. k. Bezirksamte zur Weiterbeförderung übergab." Es war sicher nicht einfach, die innerhalb der Pfarre ge­wachsene Institution für die Armen völlig aufzugeben, wie es tatsächlich 1870 vollzogen wurde. „Das erste in diesem Jahr war die Übergabe des Armen-Institutes an die Gemeinde und dies wurde am Ende des Jahres hier in Haag vollkommen. Es erschien am 14. November der Bürgermeister mit einigen Ausschüssen und nahm die Schriften samt den Obligationen und barem Geld gegen Empfangsbestätigungen mit sich in sein Haus und die Geschichte war aus, somit war hier das Pfarrarmen-In­stitut Haag aufgehoben. Wäre das Armenwesen nicht von jeher eine kirchliche Sache gewesen, so würde kein Pfarrer ein besonderes Leid tragen, denn Zeit und Ge­duld hat das Armen-Institut wohl genug in Anspruch genommen, es ist somit eine Last hinweg genommen, nur der Armen wegen ist es bedauerlich, indessen die Libera­len haben es gewollt und geglaubt, der Kirche einen ge­waltigen Schabernack zuzufügen, währenddem haben sie den Pfarrern ihre Amtsführung erleichtert. Habeant Bibi." — Diese Zeilen mögen in der begreiflichen Stim­mung etwas bitter klingen — im Grunde genommen war aber durch die Einbeziehung des Armen-Institutes in die Gemeindeaufgaben eine Ausweitung des Anliegens er­folgt. Jede Aufgabe, die nicht eigentlich der Kirche al­lein aufgetragen ist, die aber die Kirche, um wirklich die Botschaft Jesu in der Welt zu verwirklichen, aufgreifen musste, scheint irgendwann einmal sich im staatlichen Aufgabenbereich zu etablieren. Damit hat nicht die ka­ritative Aufgabe der Kirche aufgehört, denn jede Insti­tutionalisierung bringt neue Lücken und die Kirche muss damit neue Momente wahrnehmen, um sich als Kirche in der Welt mit dem unabdingbaren Ruf der Nächsten­liebe den neuen Problemen zu stellen. So auch diesmal: Die Kirche war durch die Abgabe des Institutes zwar von einer Last befreit worden, aber in der Kirchenrech­nung 1872 werden bereits wieder 87 Gulden" mit genau­er Angabe des Verwendungszweckes für die Pfarrarmen ausgegeben. Wer war bedürftig? Die Namensangaben weisen immer auf arme Häusler und Inwohner hin. Be­sonders schwierig war die Situation bei den schul­pflichtigen Kindern in der Winterszeit. So ist es erklär­lich, dass die Ausgabenlisten immer wieder Beträge für Schuhe anführen. 1 Paar kostete für Kinder 2 Gulden, für Erwachsene 2,30. Dass die Götz'sche Stiftung (1713 im Testament festgelegt) noch 1877 für 10 Paar Schuhe reichte, beweist die weitreichende Wohltätigkeit dieses Pfarrers. Von woher kamen die Eingänge? Durch Ein­gänge von Spenden (Dechant) und Opfergänge kamen 1876 174,49 Gulden für die Pfarrarmen zusammen".

Wie viel man in diesen Zeiten (Ende voriges Jahrhun­dert) wirklich für Caritas übrig hatte, kann man aus ei­ner Gegenüberstellung in der Kirchenrechnung 1876 er­sehen. An Klingelbeutelgeld (sonntägliche Opfersamm­lung) sind im Jahr 206,15 Gulden eingegangen. Dieser Zahl gegenüber nehmen sich die 174,49 Gulden für die Pfarrarmen doch sehr beträchtlich aus; es werden da­durch das Anliegen und die aufgewendete Sorge unter­strichen.

Wie sehr die Armenbeteilung sich um die Jahrhundert­wende ausgeweitet hat, bezeugt die Übersicht von 1905. Allein im März wurden 32 Paar Schuhe ausgege­ben. Insgesamt wurden das Jahr hindurch 302 Personen beteilt, dazu bei der Weihnachtsbeteilung 150 Personen erfasst und für arme Schulkinder am 2. Dezember 90 Paar Schuhe angekauft. Zusammen waren die Ausgaben auf 2646,80 Kronen angewachsen.

Es war also die Zeit unter Dechant Höllrigl nicht nur eine intensive Zeit der Restaurierung von Kirche und Pfarrhof, nicht nur die Zeit des großen Wachstums des Ortes, sondern vor allem auch eine Zeit der großen Aus­weitung der tätigen Nächstenliebe auf viele Menschen, besonders auf kinderreiche Familien, alte, kranke und nicht leistungsfähige Personen. Dem stehen aber auch oft außergewöhnlich großherzige Spenden gegenüber, zum Beispiel von Frau Katharina Ströbitzer 1858 Kro­nen.

Es darf in diesem Zusammenhang die Initiative und Mithilfe von Dechant Höllrigl zum Bau des Gemeinde-Krankenhauses" bzw. Gemeinde-Versorgungshauses nicht unerwähnt bleiben. Den Anlass dafür gab ein Fonds von 8698 Gulden, den der Haager Priester KR Johann Georg Hochwallner, gebürtig am Mayerhofer­gut zu Richersdorf, stiftete, damit sich in seiner Ge­burtspfarre barmherzige Schwestern zur Krankenpflege ansiedeln. Der Baugrund wurde von der Pfarre Haag zu einem mäßigen Preis zur Verfügung gestellt, und zwar Parz. 130/2. Am 2. Dezember 1898 konnte bereits die feierliche Einweihung der Anstalt stattfinden, nachdem drei Ordensschwestern vom 3. Orden des hl. Franziskus die Leitung und Führung des Hauses übernommen hat­ten. Der dreifache Zweck der Anstalt brachte das Wie­deraufleben der Idee des Bürgerspitals von Pfarrer Gott­fried v. Dreger.

  1. Ältere Personen vertragsmäßig bis zu ihrem Ableben gänzlich zu versorgen oder einzelne ältere Leute auch gegen monatliche Zahlung aufzunehmen.
  2. In der Gemeinde erkrankte Dienstboten, Gesellen oder Alleinstehende bis zu ihrer Genesung gegen ent­sprechende Zahlung aufzunehmen und zu pflegen.
  3. Ambulante Krankenpflege, vorzugsweise in der Ge­meinde Haag.

    Ohne zu dramatisieren, kann gesagt werden, dass der Abzug der Schwestern (1938) das Ende der karitativen Hilfe in dieser Form brachte. Es scheint einen Grund­satz zu geben, wonach alles karitative Wirken, sobald es sich zu sehr von Personen loslöst, förmlich erstarrt und weil niemand persönlich so recht dahinter ist, auf die Dauer nicht zu halten ist.

    In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vollzieht sich ein großer Wandel im karitativen Tun. Es werden keine Li­sten mehr geführt über die Art der Hilfe an den betreu­ten Personen. Caritas in der Pfarre wird anonymer. Der damalige Pfarrer KR Reininger ist selber ein Beweis da­für. Wenn man von ihm reden hört, so heißt es immer: „ ... er gab die notwendigen Dinge in aller Stille, um ja jedes Gerede und jedes Aufheben zu vermeiden ..." Die Aufstellung des Opferstockes „Antoniusbrot" (1921) ist auch bezeichnend dafür.

    Sicher hat die Unterstützung der Arbeit der Schwestern im Erholungsheim auch dazu beigetragen, dass die per­sönliche Hilfeleistung besonders an Kranken, Leistungs­unfähigen mehr ausgebaut werden konnte und im Vor­dergrund der Caritas-Arbeit stand. Die Not des Ersten Weltkrieges wirkte sich durch Inflation und Geldmangel besonders in Bezug auf finanzielle Hilfen aus. Trotzdem werden notwendige Zeitanliegen wahrgenommen. — Ein kleiner Hoffnungsschimmer nach allem Elend mag es gewesen sein, als 1919 und auch im Jahre 1920, zur Unterstützung von Heimkehrern aus der sibirischen Ge­fangenschaft, bei den Kirchentüren gesammelt wurde.

    Außer der in diesen Jahren ständig wiederkehrenden Sammlung für die Behinderten (Taubstummen) gibt es eine Reihe Anliegen, die über die unmittelbare Pfarrca­ritas hinausweisen: 31. Oktober 1920 Sammlung für die Opfer der Überschwemmung, zu Weihnachten im selben Jahr wird um Anlieferung von Holz für die Schule gebe­ten, um eine Unterbrechung des Unterrichts zu vermei­den. Im Juni 1921 wird für die Abbrandler in Grafen­schlag bei Zwettl und Langau bei Geras gesammelt. Wieviel die gespendeten 5277,25 Kronen in dieser Zeit bedeutet haben, können wir nicht genau abschätzen, das Zeichen der helfenden Liebe aber hat gezeigt, dass man trotz eigener Bedürftigkeit die größere Not anderer nicht übersehen hat.

    Die Verhältnisse in der Heimat zwingen sehr bald zum ständigen Ausbau der Caritas (wie bereits in den dreißi­ger Jahren dieser Name für alles kirchliche Helfen steht). Es gibt die Sammlungen, die sehr deutlich die ei­genen Nöte aufzeigen: Sammlung für Notleidende, Sammlung für Winterhilfe und ähnliches. Es scheint aber auch sehr wahrscheinlich, dass christliches Leben sich oft mehr in hergebrachten religiösen Übungen aus­gefaltet hat und nicht immer die Werke der Gerechtig­keit und Nächstenliebe in den Vordergrund stellte.

    Vieles hat der Zweite Weltkrieg zerstört. Aber eines bringt die Entwicklung der Nachkriegszeit auch mit sich: Die Welt wächst in gemeinsamen Katastrophen und Nöten mehr und mehr zusammen und die Hilfen werden außergewöhnlich vielfältig. Katastrophensamm­lungen" für Hochwasser in Holland und Lawinenopfer in Tirol, für Unwetter und Hochwasser im Inland, Hilfe für Ungarnflüchtlinge, Familienfasttag der Kath. Frau­enbewegung für Korea, für Katastrophen in Peru, Jugo­slawien und Persien. So sind für die Projekte im Ausland sowie für die Hilfe in der Pfarre und im gesamten Inland von 1950 bis 1965 S 250.000,— gegeben worden. Die ein­geführten alljährlichen Caritas-Haussammlungen waren nur dadurch möglich, dass sich eine Reihe von Helferin­nen um die Leiterin der Pfarr-Caritas, Frau Gertrude Stieböck, scharte. 1965 stellten sich vom Landgebiet 18 Frauen und vom Stadtgebiet 10 Frauen zur Verfügung. Eine neue Hilfe wurde in dieser Zeit zum ersten Mal wirksam: Hilfe aus Übersee. 1954 und 1956 wurden durch die Pfarr-Caritas, von Spenden aus Amerika, ca. 120 Personen mit Käse, Trockenmilch und Kleidern beteilt.

    Das Hauptanliegen der Caritas nach 1965 war ein syste­matischer Ausbau des Helferinnenkreises über die ganze Pfarrgemeinde hin, nicht nur um Haussammlungen durchzuführen, sondern um einfach ein Informations- und Kontaktnetz zu haben, damit bedrängten Men­schen möglichst schnell geholfen werden kann. Dies war auch deshalb notwendig, um allen diskriminierenden und negativen Aussprüchen entgegenzuwirken und klar herauszustellen, dass Caritas weder auf die Person noch auf sonstige Einteilungsgründe sieht, ja nicht einmal die Verursacherfrage der Not in den Vordergrund stellt, sondern einfach die notwendig gewordene Hilfe.

    Dadurch, dass, Gott sei Dank, viele Aufgaben durch öf­fentliche Stellen übernommen wurden, besteht diese Hil­fe jetzt oft in einem menschlichen Zur-Seite-Stehen, in einem Spüren-Lassen, dass der einzelne in seiner Not nicht allein gelassen ist. Finanziell wird die Pfarr-Caritas hauptsächlich beansprucht durch die alljährliche Oster- und Weihnachtsgabe an Mindestrentner und notleidende Familien und durch plötzlich notwendige Überbrückungshilfen. Hilfen bei Familienstörungen, die Kinder besonders mit einbezogen, da sie in solchen Situationen die am meisten Leidtragenden sind und auch Hilfen bei Krankenbetreuung. Nicht zuletzt soll als gegenseitige menschliche Hilfe, die von Frau Maria Weinberger und Frau Margarethe Hengst seit 1969 existierende Mitt­woch-Runde der Senioren als echte Verwirklichung christlicher Nächstenliebe hervorgehoben sein.

    Insgesamt sind es derzeit 74 Helferinnen (40 Stadt, 34 Land), die sich je nach Möglichkeit verschieden, der Pfarr-Caritas zur Verfügung gestellt haben. Dass durch deren Einfluss viele Schäden, die heute in einer Gemein­schaft auftreten, gemildert wurden, dafür gibt es prakti­sche Beispiele genug.

    Von diesem Auf- und Ausbau der Caritasarbeit in unse­rer Pfarre bei der großen überregionalen Pastoraltagung in Wien-Lainz am 29. Dezember 1977 vor 450 Teilneh­mern aus dem In- und Ausland sprechen zu dürfen, war mir als Pfarrer eine große Freude.

    Wie sehr die Pfarre das Helfen in jeder Not zu verwirkli­chen sucht, kann auch an der gewaltigen Summe der Spenden ersehen werden. Für alle karitativen Anliegen der Pfarre, der Diözese und über Österreichs Grenzen hinaus für Polen, Ungarn, Italien und auch Übersee wurden von 1966-1981 S 1,682.144,— gegeben.

    Die Aufnahme einer kambodschanischen Flüchtlingsfa­milie, Sov-Leav Eng am 3. Oktober 1980 (Mutter mit 4 Kindern) in das Mesnerhaus und die vielgestaltige Hilfe und Sorge um sie bezeugt ebenfalls, dass die Hilfe um den ganzen Menschen im Vordergrund steht, über jede materielle Hilfe hinausgehend. Innerhalb der christli­chen Caritas hat auch die Mission ihren Platz. Jede Pfar­re ist nur so lange lebendig, so lange sie missionarisch ist. So ist in unserer Pfarrgemeinde 1829 der Leopoldinen-Verein für Nord-Amerika gegründet worden mit 36 Mitgliedern. Der Verein hat in stetem Wachsen im Jahre 1843 bereits 149 Pfarrangehörige als Mitglieder ausgewiesen. Wie sehr das Verantwortungsbewußtsein für die Ausbreitung des Glaubens weiter gewachsen ist, zeigt die Gründung eines Vereins des Gebetsapostolates, gedacht als geistige Unterstützung der Missionsarbeit. Im Jahre 1868 sind schon 456 Mitglieder angeführt. 1895 ist das Missionsinteresse bereits in einer voll entfal­teten Vereinstätigkeit" sichtbar: Verein der hl. Kindheit Jesu / Verein zum hl. Bonifatius / Verein zum hl. Leo­pold für Nord-Amerika / Verein zur hl. Maria für Zen­tral-Afrika / Verein zur Unbefleckten Empfängnis Mariens für den Orient.

    Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgt die Unterstützung der Missionsarbeit nicht mehr durch Vereine, sondern in etwas loserer Form im sogenannten „Werk der Glau­bensverbreitung". Zwei alljährlich durchgeführte Opfersammlungen werden hervorgehoben. Erster Opfergang für das „Werk der Befreiung von der Sklaverei in Afri­ka" (um Epiphanie) und der zweite Opfergang für die Mission im Orient (Missionssonntag).

    Eine Krönung all dieser Hilfsaktionen war für die Pfarre sicher die Primiz am 2. Juli 1934 von P. Johann Capistran Voglmayr, Kapuzinerpriester in Innsbruck, gebür­tig von Gstetten Nr. 23, der später als China-Missionar in der Mandschurei wirkte. Hat der Missionseinsatz durch den Zweiten Weltkrieg ungeheuer gelitten, so ist doch durch den Wiederaufbau des „Päpstlichen Mis­sionswerkes" das Interesse und die Unterstützung des ganzen Missionswesens sehr bald wieder ausgebaut wor­den, besonders durch die verschiedenen Missionszeit­schriften für Kinder, Erwachsene und Familien („Stadt Gottes"). Hervorzuheben sind die Sternsingeraktion der Kath. Jungschar, Epiphaniekollekte und die Fastenaktion mit Hilfe des Fastenwürfels.

    1967 ging Herr Bruno Weißengruber aus Haag als Ent­wicklungshelfer nach Afrika. Sein Bischof, auf Besuch in Haag, berichtete uns in Dankbarkeit von diesem 10jährigen Einsatz in Malawi.

    Die Sternsinger (Ministranten und Jungscharkinder mit ihren Führern), bei jedem Wetter um den Heiligendreikönigstag seit über 2 Jahrzehnten im ganzen Pfarr­gebiet unterwegs, sammelten 1981 S 53.000,—. Frauen und viele Helfer unter der Leitung von Frau Erika Steinwendtner haben ab 1972 in den Weihnachts-Bastelmärkten nicht nur schöne Geschenke hergestellt, sondern durch den Verkauf derselben bisher S 330.160,— für die Mission zur Verfügung gestellt. Zum Christophorusfest haben die Kraftfahrer für jeden unfallfrei gefahrenen Kilometer (1971-1982) S 81.601,— gegeben. Insgesamt sind von 1966-1981 von der Pfarre S 1,260.754,— in die Missionsarbeit hineingeflossen. In der Aktion „Paten­schaft für afrikanische Priesterstudenten" haben Senio­ren besonders die Heranbildung afrikanischer Seminari­sten unterstützt. Ein weiteres Zeichen der Verbunden­heit war sicher 1970 der Privatbesuch des Präfekten des „Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung" aus Rom, Dr. D. Simon Lourdesamy, Erzbischof von Bangalo re.

    Dazu kommen noch Privatinitiativen, unter anderem von Frau Maria Adlberger für die Mission der Oblaten. Ein großes Ereignis für die Pfarrgemeinde war auch der Besuch von H. Reginald aus Nigerien (stud. theol. in St. Pölten), der am Missionssonntag 1980 bei uns in der Pfarrkirche seine Probepredigt hielt. Der Same bringt seine Frucht — vielfältig — durch die Mithilfe der Heimat­kirche.

    Die Geschichte unseres Ortes und seiner Menschen ist durch die Jahrhunderte hindurch vom Ortsbild geprägt. Wie man von Haag — wenn man nach einem Rundgang alles Schöne und Bemerkenswerte gesehen hat und wie­der weggeht — kaum das Bild der hoch aufragenden Kir­che auf dem Berg vergessen wird, so ist tatsächlich dieses Wahrzeichen ein Symbol dafür, von woher die Gemein­schaft hier im Innersten zusammengehalten wird: Es ist die Verwirklichung der Botschaft Christi in der Näch­stenliebe, der christlichen Caritas, und im Drängen der Gottesliebe zur Verkündigung im missionarischen Tun. Dies ist es, was uns hilft, hier Gemeinschaft zu sein, es umspannt die Jahrhunderte und lässt das Licht echter Menschlichkeit hineinleuchten bis in die fernsten Win­kel unserer Welt.