Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

DIE BAMBERGISCHE HOFMARK HAAG

„Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, der dritten das Brot. So lautet ein Sprichwort alter deutscher Kolonisten im Donaulande; es hat wohl auch gegolten für jene Leute, die nach dem Sieg über die Magyaren (955) darangegangen sind, das Gebiet östlich der Enns weitaus dichter zu besiedeln als es bisher war. Erst als nach etwa 80 Jahren, im Leben der dritten Generation, eine „Hofmark" entstanden war, begann für das Volk, für die Bauern wie für die Ritter, das gesicherte Dasein, begannen die geordneten wirtschaftlichen Verhältnisse, dazu eine vertiefte Aufnahme des Christentums und damit verbunden die eigentliche Entfaltung einer über die Notdurft des Alltages sich erhebenden geistigen Kultur.

Der Name Hofmark war im 11. und 12. Jahrhundert keineswegs eine seltene Bezeichnung und wurde erst dann gebraucht, wenn die Besiedlung eines Herrschaftsbereiches schon abgeschlossene war. Die Güter und Gründe der Bauern wie der Grundherren mussten gleichsam schon überall abgegrenzt sein, sich innerhalb sicherer „Marken" (vergl.: Marksteine) erstrecken, ein bestimmter Gutshof musste als wirtschaftlicher und verwaltungsmäßiger Mittelpunkt erbaut worden sein, dann erst konnte man von einer „Hofmark" sprechen.

Die Hofmark, die um Haag als Mittelpunkt entstanden war und von Haag urkundlich den Namen als „Hofmark Haag" trug, gehörte seit ihrer Entstehung dem Bischof von Bamberg und dehnte sich weithin aus zwischen der Enns und der Ybbs, zwischen der „Hochstraße" bei Strengberg, der alten Römerstraße, und den Gefilden um St. Peter und St. Michael, freilich nicht alles Gebiet innerhalb dieses Raumes umfassend. Wie es zu ihrer Entstehung kam, welches Ausmaß sie genauer hatte, was im weiteren ihre Schicksale waren, bestimmte maßgebend das Leben und Werden Haags im hohen Mittelalter.

Kaiser Heinrich II., Gründer der Hofmark Haag

Der Mann, der um Haag eine Hofmark schuf, oder vielmehr den Grundstein für ihre Entstehung legte, war der deutsche König und zu Rom gekrönte Kaiser Heinrich II. (1002 bis 1024), ein Heiliger der katholischen Kirche. Nicht zu Unrecht steht er, eine Kirche in der Hand tragend, am Hochaltare zu Haag als Statue nachgebildet, um die Haager immer wieder an ihren Patron zu erinnern, dem sie es verdanken, dass ihr Ort nicht ein kleines Dorf oder ein Weiler geblieben ist, sondern zum Markte und zur Stadt wuchs.

Heinrich wurde am 6. Mai 973 als Sohn des bayrischen Herzogs Heinrich des Zänkers geboren, aber nicht in Glanz und Purpur, denn sein Vater war damals vom Kaiser abgesetzt und verbannt. Dem Knaben schlug jedoch die Verbannung zum Segen aus. Mit fünf Jahren schon schickte man ihn an die berühmte Domschule von Hildesheim, in der er sich eine seltene, selbst die Bischöfe überragende Bildung aneignen konnte. Als sein Vater begnadigt wurde und als Herzog nach Bayern zurückkehren durfte, Schloss sich Heinrich eng an den heiligen Bischof Wolfgang von Regensburg an. Durch ihn weitete sich sein Blick ins Große, von der Enge der Schulstube zum Weltreich der Kirche, Ganz gewiss hat der heilige Wolfgang seinem jugendlichen Schüler und Freunde, dem künftigen Bayernherzog, auch den Blick für das Land östlich der Enns geöffnet. Dort hatte ja Wolfgang selber einstens missioniert, predigend und Kirchen gründend die Gegend bis nach Ungarn hinein bereist. Wolfgangs Herzensanliegen war es, das Christentum immer weiter und weiter nach Osten zu tragen, überall, wo noch heidnische Slawen saßen, das christliche Kreuz und den deutschen Pflug wirken zu lassen. Als nun im August 995 der junge Heinrich am Sterbebett seines Vaters das Bayernland als sein Herzogtum übernahm, als er gar sieben Jahre später Herrscher der deutschen Nation wurde, hatte er jene Machtfülle in der Hand, deren es bedurfte, um Wolfgangs Ideen vom christlichen und deutschen Ostland zu verwirklichen.

Heinrich II. und Bamberg

Von Anfang an betrieb Heinrich II. Ostpolitik; nicht verlockt vom Glanz der römischen Kaiserkrone, widmete er diesem Ziel all seine Kraft. Dazu benötigte er aber Bischöfe und Klöster, denen er seit Beginn seiner Regierung reiche Güterschenkungen machte. Nur hieß Ostmission und Kolonisation zur Zeit Heinrichs II. nicht mehr so sehr, das Land östlich der Enns erschließen - seit dem Jahre 1001 war ja bereits das ungarische Königshaus katholisch -, sondern bezog sich auf die Gebiete vom Main- und Regnitztal ostwärts bis zum böhmischen Raum wie um die Tiefebene östlich der Oder. Für den östlichen Teil Mitteldeutschlands fehlte noch der kirchliche Mittelpunkt. Ihn wollte der König mit Bamberg errichten, das er im Jahre 1007 als Bischofssitz schuf. Das Hochstift Bamberg wurde für Heinrich II. zur Lieblingsgründung, die er besonders großartig ausstatten wollte. Als der König wusste, dass ihm die so sehr erwünschte Nachkommenschaft ausbleiben werde, seine Gemahlin Kunigunde nie mit Kindern gesegnet sein werde, beschloss er, seinen ganzen Besitz, dem der Erbe fehlte, der Kirche zu übertragen, Christus zu seinem Erben einzusetzen. So kam Bamberg zu einer Reihe von Ländereien, die insgesamt sehr umfangreich und über ganz Mittel- und Süddeutschland verstreut lagen; zu ihnen gehörte auch unser Haag.

Güter Bambergs in Österreich

Wir wollen uns vorerst einmal näher mit jenen Gütern Bambergs bekanntmachen, die im heutigen Osterreich lagen. Schon durch die königliche Schenkung vom Jahre 1007 erwarb das Hochstift einen Grundbesitz in Mattighofen und im Attergau: die Ortsnamen Aurach, Frankenburg und Frankenmarkt erinnern noch heute an die Besiedlung durch die fränkischen Herren von Bamberg aus. Sieben Jahre später, 1014, vervollständigte Kaiser Heinrich die Besitzschenkungen mit weiteren Orten im Mattiggau an das geliebte bambergische Hochstift. Neben diesen Gütern in Oberösterreich gab er dem Bistum einen geschlossenen Besitz in Kärnten dort, wo sich später die Stadt Wolfsberg an der Lavant als Hauptort und Mittelpunkt (Vizedomamt) eines bischöflich bambergischen Gebietes entwickelte. Dieser Herrschaftsbereich umfasste das Lavanttal von der Mündung der Lavant in die Drau aufwärts bis zur Klemme von Reichenfels, dann südlich der Drau Orte um Bleiburg sowie nördlich von Feldkirchen das Land von der Villacher Ebene bis zur Paßstraße von Pontafel. Schließlich bedachte er Bamberg auch im Bereiche des heutigen Niederösterreich mit Grundbesitz. Am 5. Juli 1015, nach den Forschungen Breslaus schon im Jahre 1014, gab der Kaiser dem Bischof von Bamberg 30 Königshufen (ungefähr 1000 Joch) in „Godtinesfeld" an der Leitha.

Haag an Bamberg

Um diese Zeit muss auch Haag an Bamberg gelangt sein, ja, die Überlieferung erzählt uns von einer solchen Schenkung, die in das Jahr 1014 fallen soll. Doch die Urkunden schweigen darüber und daher bereitet die Tatsache, dass Haag seit dieser Zeit den Bambergern eindeutig gehörte, den Forschern die größten Schwierigkeiten, bis Hofrat Lechner im letzten Jahrzehnt einiges Licht in die Angelegenheit brachte. Es hat sich eben im Mittelalter viel mehr ereignet, als die noch vorhandenen Urkunden zu berichten wissen. Liegen uns doch auch keine Urkunden darüber vor, wie Rottenmann im Ennstal ein Bamberger Besitz wurde, ja sogar für das große Kärntner Gebiet fehlen uns die Schenkungsurkunden, so dass die Bamberger Priester im Jahre 1641 keinen schriftlichen Beleg erbringen konnten, um ihre Besitzrechte zu erweisen. Sie konnten nur aufzeigen, dass sie seit mehr als 600 Jahren das Land dort besaßen, Ein früher Brand in Bamberg scheint nicht bloß die Grabplatte Heinrichs zerstört, sondern auch wesentliche schriftliche Aufzeichnungen vernichtet zu haben. Dennoch kann niemand daran zweifeln, dass all die erwähnten Besitzungen in Österreich ebenso wie die bei Kematen und Kirchberg im oberösterreichischen Kremstal und in Spittal am Phyrnpaß bald nach der Gründung Bambergs diesem Hochstifte gehörten.

Strengberg an Tegernsee durch Heinrich II. geschenkt

Aber wir sind ja für unser engeres Gebiet um Haag gar nicht bar jeglicher schriftlicher Nachrichten aus der Kanzlei Heinrichs II. Zwei sehr wichtige Urkunden liegen vor: die eine meldet die Schenkung Heinrichs an das Kloster Tegernsee vom Jahre 1011 und bezieht sich auf Strengberg, Der geschenkte Boden hatte einen bedeutenden Umfang; er betrug sechzig Königshufen an der öffentlichen Straße, die „Hochstraße" genannt wurde und als Restbestand der ehemaligen Römerstraße angesehen werden kann. Das neuerworbene Gebiet Schloss sich räumlich an ein bereits vorhandenes Tegernseer Gut an: „Chrebesbach", heute Kroisboden, hieß dieser ältere, bereits dem Kloster angehörende Besitz. Als Mittelpunkt all dieser um Strengberg gelegenen Tegernseer Höfe bildete sich die Burg Achleiten aus, die schließlich der ganzen Tegernseeischen Hofmark den Namen „Herrschaft Achleiten-Strengberg" gab. Durch den Tegernseer Besitz ist das bambergische Haag im Norden bereits begrenzt, die Pfarrgrenzen, die sich ungefähr zwanzig Jahre später bilden, wie auch die viel jüngeren Gemeindegrenzen, halten sich nach den zwei verschiedenen Herrschaftsgebieten: nach Bamberg und Tegernsee.

Winnersdorf 1002 an Bamberg

Die zweite Urkunde stammt vom 1. Juli 1002 und ist für uns ungleich wichtiger. Heinrich II. ließ sie auf einer Reise in die Westgebiete des Deutschen Reiches in Sontheim an der Günz ausstellen. In ihr schenkt er einem seiner Getreuen, dem Ritter Pilgrim, auf seine Bitte und wegen seines „frommen" Dienstes das bisher ihm selber gehörende Eigentum in Uuv(izi)nesdorf und dazu noch an die hundert Mansen, ungefähr 3000 Joch, vom benachbarten Wald, eine wahrhaft königliche und ansehnliche Gabe. Mit diesem sonderbaren Ort in der Urkunde, der lange Zeit nie richtig gelesen und örtlich bestimmt werden konnte, ist nichts anderes als unser Winnersdorf gemeint, früher auch Winesdorf und Windendorf, sogar Windischdorf geheißen; ihm benachbart liegt der Salaberger Wald. Dem beschenkten Pilgrim wird überdies noch ausdrücklich das Recht zuerkannt, dass er über Winnersdorf und den Wald vollkommen frei verfügen kann; er kann das Gut vererben, vergeben, verschenken und vertauschen, wie es ihm beliebt. Und tatsächlich scheint er diesen Besitz nicht lange gehabt zu haben. Sehr bald ist alles in die Hände des Bischofs von Bamberg übergegangen und die Schenkungsurkunde wanderte damit gleichfalls aus Pilgrims Händen in das Bamberger Archiv, woher sie, die heute in München liegt, auch stammt. Der nächste uns bekannte Eigentümer von Winnersdorf ist bereits der Bischof Gunther von Bamberg, der sein Allod „Wouezesdorf et Haga" seinem Kanzler und Bibliothekar Friedrich zum Nutzgenuss übergab, Allerdings stellte er ihm die Bedingung, dass Friedrich beim Tode seines bischöflichen Herrn das gesamte Allod Haag, Winnersdorf und den Wald dabei an die Kathedralkirche zu Bamberg (und keineswegs an die Verwandtschaft des Bischofs) zurückzustellen habe.

Bischof Gunther bestieg den Bamberger Stuhl im Jahre 1057, auf seiner Rückkehr vom Kreuzzug nach Jerusalem starb er am 23. Juli 1064 in Ungarn und sein Kanzler Friedrich kann im besten Falle sieben Jahre lang die Nutznießung des bambergischen Besitzes um Haag gehabt haben. Bereits vor dem Jahre 1057 und dann wieder und für lange Zeit nach dem Jahre 1064 flossen die Einkünfte aus dem Haager Besitz dem Bamberger Bistume zu.

Das sind die nackten Tatsachen; sofort aber erhebt sich, an sie anknüpfend, eine ganze Menge von Fragen:

  • Woher hatte Heinrich II. die Gebiete um Haag und Strengberg, dass er sie verschenken konnte?
  • Warum gab er sie nicht gleich an Bamberg, sondern an Tegernsee und an Pilgrim?
  • Wer war überhaupt dieser Ritter Pilgrim?
  • Wie kam Winnersdorf nun von Pilgrim an Bischof Günther von Bamberg und woher hat dieser sein zweites Allod Haag?

Offene Fragen um Heinrichs Schenkungen

Wir wollen diese Fragen der Reihe nach zu beantworten versuchen, soweit dies möglich ist. Als dem letzten männlichen Sprossen seines sächsischen Geschlechtes flossen Heinrich II. viele Erbschaften zu; so hat er das Geschenk an Bamberg im Salzburggau von seiner Mutter geerbt; was er in Kärnten an Bamberg vergab, stammte noch von jenen Tagen, in denen sein Vater auf das Herzogtum Kärnten verzichten musste, einiges aber als Hausgut offenbar zurückbehalten konnte. Hat nun Heinrich II. sein Gut und den großen Wald bei Haag schon ererbt gehabt oder verfügte er darüber auf Grund königlichen Rechtes, das ihm erlaubt, erobertes und herrenloses wie auch der Krone anheimfallendes Gut zu verschenken? - Dies ist nicht sehr wahrscheinlich, da Heinrich eben erst König geworden ist und in der Urkunde von „Uuvizinesdorf" in „Ostarrike" so spricht, als ob er es schon länger als Eigentum gehabt hätte. Nicht aus königlichem Rechte, sondern aus dem Rechte, das jeder Privatbesitzer hat, verschenkt Heinrich II. Winnersdorf an Pilgrim. Er hatte hier wie in Strengberg ererbten Grund. Nun war es wohl das große Streben seines Lebens, dass mit ihm als dem letzten Glied sein Geschlecht und dessen Besitz ganz Christus anheimfallen solle - ein Streben, das nur der versteht, der die Religiosität des Mittelalters kennt - aber Heinrich hatte doch auch als Herzog von Bayern wie als König Deutschlands seine Diener zu belohnen und auch altes Unrecht gutzumachen. Dies konnte er nur durch Landschenkungen aus dem Hausgut und dem Reichsgut tun. Es darf uns daher durchaus nicht wundern, wenn er zu einer Zeit, in der er noch nicht an die Gründung Bambergs dachte (1002), einem hochverdienten Ritter bei Haag Grundstücke schenkt. Und dass er dem Tegernseer Stift, das wiederum durch frühere Enteignungen Herzog Arnulfs des Schlimmen so arg und ungerechterweise gelitten hatte" und dem einst der befreundete Abt Gozbert vorstand, Strengberg übergibt in einem Jahre, in dem schon Bamberg besteht und sonst so ziemlich alles erhält - ist auch wiederum sehr begreiflich.

Pilgrim, ein unbekannter Ritter

Wir hätten es viel leichter, wenn wir den Ritter Pilgrim, sein Geschlecht und seine Herkunft uns vorstellen könnten; in der Umgebung Heinrichs II. wird er aber bestimmt geblieben sein, wenngleich wir nichts mehr von ihm t hören. (Den späteren Kanzler des Kaisers in ihm zu sehen, geht nicht an.) Vielleicht ist er gestorben, gefallen in den Polenfeldzügen seines Herrn, vielleicht hat er sein Winnersdorfer Gut ihm zurückgegeben, damit es Bamberg erhalten könne. Erging es doch sogar dem Bischof von Würzburg so: im Jahre 1002 erhielt er eine Schenkung, die, dann später für Bamberg höchst wichtig gewesen wäre. Seit der Gründung Bambergs bemühte sich nun Heinrich, die Angelegenheit ins rechte Geleise zu bringen und schließlich brachte er im Jahre 1017 den Würzburger so weit, dass er freilich in einem für ihn vorteilhaften Tauschakt das geschenkte Gut zurückstellte und an Bamberg gelangen ließ. So ähnlich mag es auch bei uns zugegangen sein, nur hat der Haager Tausch nicht die Wellen geschlagen, die der Nachwelt hätten Kunde zutragen können. Manche und nicht unbedeutende Forscher vermuten einen solchen Tauschakt.

1672: Matthäus Vischer, Karte von Österreich
Schloss Klingenbrunn, erbaut 1487
Kupferstich von Rohrbach, Topographia Austriae inferioris, 1672

Zwei bambergische Güterkomplexe um Haag

Unabhängig von Winnersdorf ist Haag selbst an Bamberg gekommen, nur sind wir hier ganz ohne sichere Spur, wie dies zuging. Wir wissen nur, dass der Bamberger Bischof in Haag eine Kirche bauen ließ, die 1032 geweiht wurde, Haag demnach zu dieser Zeit schon ihm gehören musste Aufgefallen ist uns auch, dass zwanzig Jahre später Bischof Gunther und sein Kanzler Friedrich von zwei verschiedenen bambergischen Güterkomplexen sprechen: von Wovezesdorf (Winnersdorf und dazugehörendem Wald) und Hage (= Haag). In den nächsten Jahrhunderten treffen wir neben mehreren kleinen Rittergeschlechtern immer wieder auf zwei bedeutende in der bambergischen Hofmark, auf die Ritter de Hage und auf die Ritter vom Hagwalde, wobei die Hagwalde um den Raum von Winnersdorf sitzen. Dies kann uns gleichfalls ein Hinweis dafür sein, dass die bischöflich-bambergische Hofmark Haag durch zwei verschiedene, knapp aufeinanderfolgende Erwerbungen entstanden ist.

Hatte Kaiser Heinrich schon Bamberg' in der Absicht als Bistum gegründet, dass es das Christentum den heidnischen Slawen ostwärts bringe, so hat er es in derselben Gesinnung auch reich ausgestattet. Es wäre ganz verkehrt, wollte jemand annehmen, der Kaiser habe nur deshalb so viel an die Bischöfe und Klöster verschenkt, um ihnen ein angenehmes Leben im Überfluss zu ermöglichen. Nein! Als Anhänger der Reform von Cluny sorgte er dafür, dass Mönche und Priester in Selbstlosigkeit ihrem hohen Dienste lebten, und mit jeder Schenkung war wohl auch immer ein bedeutender Auftrag verbunden. Dieser Auftrag war, nach der ganzen Haltung Heinrichs, immer nur einer: das Reich Christi zu verbreiten und zu vertiefen, den Erdkreis vom Geiste Christi zu erfüllen. Und wenn der Kaiser sein Letztes hätte hergeben müssen, um irgendwo eine Pfarre zu errichten, er hätte es getan.

Sinn der Schenkung

Eine solche Pfarre zu gründen, war letzten Endes auch der ganze Sinn jener Schenkung Haager Gebietes an Bamberg. Ein Pfarrer sollte hier ständig Seelsorge betreiben, nicht bedrängt von weltlichen Sorgen, sich ganz den geistigen Dingen widmen können. So sollte es für alle Zeiten sein. Wenn dies heute jemand durchführen wollte, müsste er ein großes Kapital in die Kassa legen und die Bestimmung treffen, dass jeweils der Mann, der die geforderte Seelsorge erfülle, die Zinsen des Kapitals ausgehändigt bekomme. In den Zeiten der Naturalwirtschaft ging dies eben anders vor sich: der Bischof von Bamberg erhielt ein großes Gebiet und musste dafür sorgen, dass es einem Pfarrer genügend Existenz bot. Dazu musste er Bauern herbeischaffen, die das Land für sich bearbeiteten und daneben auch einen Teil der geernteten Güter für den Unterhalt der Pfarre abgaben; sie erhielten Boden und Lehen. Überdies mussten noch Männer da sein, die den Landstrich im Notfalle vor Räubern und Feinden schützten: auch sie erhielten Boden zu Lehen, leisteten dafür aber keine bäuerliche Abgaben und Robot, sondern rittermäßigen Dienst zu Pferd; andere wieder, die sogenannten Ministerialen, sorgten für die wirtschaftliche Verwaltung.

Ritter und Ministeralien

Die Höfe der Ritter und Ministerialen waren ihrer vornehmen Aufgabe wegen größer und bedeutender. Die Ämter der Ministerialen, wie der Schutz der Kirche, die Verwaltung der Zehente, ihre Eintreibung und Ablieferung, die Überwachung und Einteilung neuer Landrodungen brachten nicht bloß Ansehen, sondern auch einen gewissen Reichtum. In den Rittern und Ministerialen bildete sich ein Mittelstand aus, der seinen Platz zwischen den Bauern und ihren eigentlichen Grundherren selbstbewusst einnahm.

So hatte der erste, rein seelsorgliche Auftrag Bambergs, eine Pfarre in Haag zu errichten, auch bedeutende wirtschaftliche Vorgänge zur Folge. Die wirtschaftliche Seite dieses Unternehmens in Haag unterstand der Oberaufsicht des Grundherrn, des Bamberger Bischofs, der sowohl die freigewordene Pfarrstelle wie auch alle bäuerlichen und ritterlichen Lehen in seinem Herrschaftsbereich vergeben konnte. In seelsorglicher Hinsicht allerdings unterstand die Pfarre dem Diözesanbischof, im Falle Haags, dem Passauer. Daher weihte auch Bischof Berengar von Passau im Jahre 1032 die Haager Kirche, die damals wohl nur aus Holz errichtet war. Welchem Heiligen die Kirche geweiht werden sollte, hing allerdings erst wieder vom Grundherrn ab. Die in Bamberg am meisten verehrten Heiligen waren die heilige Jungfrau, St. Peter und St. Georg. Ihre Verehrung wurde nun im gesamten Bamberger Gebiet um Haag stark verbreitet, daneben stand aber auch noch der Stammesheilige der Franken, St. Michael, in hohem Ansehen. Ihm zu Ehren wurde das Haager Gotteshaus geweiht, deutlich den fränkischen Einfluss hier verkündend.

Fränkischer Einfluss in Haag

Überhaupt scheint sich nun so manches Fränkische aus Bamberg hier in Haags altbayrischem Boden eingenistet zu haben. Mit den Männern, die der Bischof von Bamberg zu neuerer, intensiverer Rodung des Waldes gesandt hat, kommen fränkische Namen zu uns. Von den Personen wissen wir sie nicht mehr, aber die Namen, die manches Haus, ein Weiler oder eine Flur erhielt, blieben erhalten. Wir finden sie vor allem in jenem Teil des Haager Gebietes, das damals erst als Bauernland dem Wald abgerungen wurde: Salaberg ist ein solcher fränkischer Name. Keppeldorf, Richersdorf, Mitterndorf und Krottendorf wie Pernersdorf erinnern an die fränkische Art der Dorfsiedlung. Ähnliche Dorfnamen treffen wir übrigens auch in den Bamberger Besitzungen um Wolfsbach an: Adersdorf, Bubendorf, Loosdorf und vor allem im bambergischen Rittersitz Meillersdorf.

Allzu stark dürfen wir uns das fränkische Wesen freilich nicht vorstellen: kamen doch auch genug bayrische Herren und Ritter, und sie in immer größerer Anzahl, in die neuerrichtete Mark. Seit dem Jahre 1000, eigentlich schon seit der Errichtung der österreichischen Mark im Jahre 955 wird es immer mehr ein Kennzeichen bayrischer Herren und Ritterfamilien, sowohl Besitzungen in Oberösterreich wie auch im Lande unter der Enns zu haben. Bei den Ritterfamilien halten sie es meist so, dass ein Zweig ihres Geschlechtes im altbayrischen Gebiet um Wels, Linz oder im Hausruck sitzt, der andere Zweig aber bei uns es sich wohnlich eingerichtet hat. Dies erschwert uns in den folgenden Jahrhunderten die Forschungsarbeit sehr, da sich die einzelnen Zweige der Klingenbrunner, Haager und Rohrbacher schwer auseinander halten lassen.

Drei Schichten der Bevölkerung

Aus drei Schichten setzte sich demnach die Bevölkerung der Hofmark Haag zusammen: Aus den Altbayern, die hier seit der Karolingerzeit oder seit dem Anfang bayrischer Siedlungen bauen und werken und den Magyarensturm überstanden haben. Ihnen verdankt es die Landschaft zwischen Enns und Ybbs, dass sie eigentlich oberösterreichischen Charakter und oberösterreichische Mundart trägt. Die zwei anderen Schichten sind die neu hinzukommenden, das Waldgebiet rodenden Franken und Bayern. Ihnen wiederum dankt es die, Landschaft, dass im Laufe von zwei bis drei Jahrhunderten der Ennswald dem wogenden Ährenfeld weicht und nur mehr wenige Spuren, darunter den Salaberger Wald, hinterlässt Es ist leicht, sich in diese Zeit hineinzuträumen, zumal uns der Volksmund berichtet, dass beim Bauernhof Werkgarn in der Nähe Salabergs die erste Ansiedlung geschaffen worden sei. Ein Stück Wahrheit kann in dieser Sage liegen, insofern nämlich die fränkischen oder bayrischen Neusiedler hier begonnen haben mögen. Und wird es nicht auch so manche Reibereien zwischen diesen Bevölkerungsschichten, den „Alten, Eingesessenen" und den neuen Pionieren gegeben haben? Die ewig gleichbleibende menschliche Natur lässt diesen Schluss zu.

Bedeutungsvoller als der fränkische Stammeseinschlag scheint der Strom der geistigen Kultur gewesen zu sein, der von Bamberg aus zu allen seinen österreichischen Herrschaftsgebieten geflossen ist. Nur hat es ein gutes Jahrhundert gedauert, bis diese geistige Saat ihre Frucht trug. In Bamberg sang um die Mitte des 11. Jahrhunderts der Domherr Ezzo seinen berühmten Leich, ein Lied, ganz erfüllt von religiöser Sehnsucht und clunyazensischem Reformeifer. Wer den Sang des Priesters hörte, wurde bezwungen von ihm und eilte, Mönch oder Nonne zu werden. So melden es die Zeitgenossen.

Die Landschaft um Haag. Blick vom Hummelberg (Pfusterschmied) nach SW. Im Hintergrund die Kalkalpen mit dem Sengsengebirge (links) und der Prilgruppe (rechts).

Geistigkeit Bambergs und Gleinks

Von Bambergs Besitzungen in Kärnten, vom dort benachbarten Millstatt, strahlt der neue Geist tiefster Kirchlichkeit bald nachher aus. Eines der ältesten und ehrwürdigsten Gedichte, die „Genesis", eine Erzählung von der Schöpfung der Welt, entstand unter diesem Einfluss vor 1078 in Kärnten. Aber auch in Gleink, das zu Haag in innigster Beziehung steht, weil es ja, mit Gebieten der Hofmark Haag beschenkt, im Jahre 1128 als bambergisches

Kloster entsteht, zeigt sich der clunyazensische Antrieb, der vom Liede des Ezzo und von bambergischer Geisteshaltung ausging. In breiter und gelehrter Weise führt eine Handschrift, dem Kloster Gleink aus dieser Zeit entstammend, das religiöse Thema vom Antichrist durch. In genau derselben breiten, gelehrten Art, inhaltlich ganz dem bambergischen Ezzoleich verwandt, etwas ungefüge und schwer in der Sprache, entsteht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts das jüngere Anegenge; die nähere Herkunft des Gedichtes ist unbekannt, nur Österreich als seine Heimat steht sicher. Was die Pfarrer in Haag ihren Hörern gepredigt haben, lässt sich aus diesen Schriften recht schön entnehmen; denn überall im gesamten Gebiet der bambergischen Hofmark Haag ist Art und Geist des fränkischen Hochstiftes jetzt deutlicher spürbar als in späteren Jahrhunderten.

Wie weit aber erstreckt sich denn diese Hofmark, deren Bedeutung uns immer mehr ersichtlich wurde? Ihren räumlichen Umfang können wir nur erschließen, indem wir die aus der Hofmark abgesplitterten späteren Herrschaften Salaberg, Rohrbach und Klingenbrunn zusammenfügen und all das noch hinzunehmen, von dem wir wissen, dass es der Bischof von Bamberg einmal von seiner Haager Hofmark weggeschenkt oder sonstwie verloren hat.

Umfang der bambergischen Hofmark

Aus den Scherben gleichsam müssen wir die alte Herrlichkeit zusammenstellen, anders können wir sie nicht mehr ersehen. Dabei war die Hofmark nicht wie heutige Bezirke ein abgerundetes und räumlich geschlossenes Fleckchen auf der Landkarte, sie umfasste vielmehr Bauernhöfe und dazugehörende Gründe, da und dort verstreut und in verschiedener Dichte. Einen festen Kern hatte sie freilich, vollständig umfasste sie das weit ausgedehnte Pfarrgebiet von Haag, griff aber im Westen und Nordwesten auch in die Gemeinden von St. Valentin und Ernsthofen hinein, da in Noppenberg, Burgholz, Hippersberg, Mathleiten (Gemeinde Ernsthofen) und in Lembach (Gemeinde St. Valentin) sich stets bambergische Untertanen der Herrschaften Salaberg und Rohrbach hielten. In der Gemeinde Haidershofen blieben die Orte Burg, Unterburg und Vorburg immer ein Besitz der Bamberger Herrschaft Salaberg und früher waren offenbar auch hier die ausgedehnten Güter des Klosters Gleink und des Schlosses Dorf an der Enns, soweit sie in der Gemeinde Haidershofen liegen, bambergischer Besitz. In der politischen Gemeinde Weistrach gehörten vor allem die Katastralgemeinden Holzschachen, Rohrbach und der nördlichste Teil der Katastralgemeinde Hartlmühle (das alte Zaucha) zum zusammenhängenden Besitz unserer Hofmark, die sich an dieser Stelle mit dem Murschenhofe und der Friedelmühle, späteren Gütern des Klosters Gleink, dem Markte Sankt Peter näherte. Die Sieghub, jetzt Siegmayer, Katastralgemeinde Weistrach, unterstand gleichfalls dem Bischof von Bamberg, in St. Johann in Engstetten gehörte ihm die nördliche Hälfte, namentlich mit Degendorf und Nennersdorf angeführt. In der Wolfsbacher Pfarre sind Bamberger Besitz: von der Katastralgemeinde Meillersdorf westliche und südliche Teile mit den Höfen Hof, Groß- und Klein-Hungelöd, von Bubendorf der Westen mit Straß und Adersdorf. Die Güter am Grillenberg, zu Köstling (Röstling) und Lumpenthal scheinen dem Bischofe bald entfremdet worden zu sein.

St. Peter und St. Michael bambergisch

Je weiter er vom Haager Mittelpunkt entfernt liegt, umso dünner gestreut liegt der bambergische Besitz. Außer Zweifel steht er im oberen Urltale mit den Höfen Kaiserlehen, Tanzellehen, Weinapfellehen, alle schon gegen Kürnberg zu liegend. Urlabwärts lag der Sitz der bambergischen Ritter, der Pauz von Wisenbach; sie hatten Gut Gassenek und den Haghof inne und vielleicht noch mehr von St. Peter. Der Name der Pfarrkirche St. Peter deutet ja auf die Kathedralkirche in Bamberg, ebenso wie St. Michael am Bruckbach, wo sich auch bischöflich-bambergischer Streubesitz befand. Noch in den Jahren 1420 und 1446 haben die Bamberger Bischöfe Albrecht und Anton Zehenthäuser von St. Peter und St. Michael mit dem bambergischen Ritterlehen Zaucha an die Ritter Herleinsperger mitbelehnt. Von diesen Häusern befanden sich nachstehende in St. Michael: am Pöglein (Bogmühl) in der Aue (Oberau) - benachbart liegt die Bischofsmühle -, dann das Mäzellehen (Mazlehen), der Widemberg (Wimm), die Höfe zu den Micheln (Taschenberg und Tramberg = Wirtshaus und Pfarrhof von St. Michael am Bruckbach), ferner der Hof am Hölzlein und der am Hinterholz (Vorderhölzel und Hinterhölzel).

Zum bambergischen Ritterlehen Zaucha gehörten den Lehensbüchern nach ursprünglich auch Höfe in Allhartsberg, am Sonntagberg, in Windhag; selbst Kematen scheint in einem gewissen Zusammenhang zu Bamberg zu stehen; der Name des Ortes ist typisch fränkisch, und einmal machte sich der Bamberger Bischof auch dort geltend.

Jetzt, da wir die Gesamtheit des bambergischen Besitzes überblicken und seine räumliche Erstreckung zwischen Enns und Ybbs erkennen, können wir uns nicht des Eindruckes erwehren, dass jenes Geschenk Heinrichs an den unbekannten Ritter Pilgrim doch nur einen sehr bescheidenen Teil späteren bambergischen Besitzes ausmacht. Neben dem Allod „Winnesdorf" und dem Allod „Hage", von denen in den ersten Jahrzehnten unserer Hofmark allein die Rede war, hören wir zwei und drei Jahrhunderte später von einem Ritterlehen Zaucha und von einem vierten Güterkomplex der Pauz von Wisenbach im Urltale. Dabei mutet uns der Name Pauz besonders seltsam an; er ist ursprünglich wohl slawischer Herkunft von babec oder pavec und erinnert uns sehr an das kroatische „baba" = Großmutter, das in den kroatischen Dörfern Burgenlands gang und gäbe ist und stellenweise sogar von den Deutschen verwendet wird. Aber eine Fürstin Baba war es auch, nach der die Burg Babenberg und die spätere Stadt Bamberg den Namen haben. Ergeben sich hier Zusammenhänge? Wir wissen es nicht!

Umfang der Hofmark

Ob jetzt die Pauz von Wisenbach mit bambergischen Franken erst zu uns hergekommen sind oder gleich den Zauchas noch aus der Periode slawischer Siedlungen um Haag ihren Namen tragen, ist nicht so wichtig. Gewichtiger erscheint die Frage, wie diese vielfach verstreuten Gebiete des Zaucha-Lehens und Wisenbacher-Lehens an Bamberg gelangt sind: Stück um Stück in zähem wirtschaftlichem Ringen erworben oder doch als eine einzige große Gabe und gleichzeitig mit dem „Allod Hage" vom Kaiser geschenkt? - Lauter Fragezeichen und keine Antworten, die hieb- und stichfest sein könnten. Die bischöflich-bambergische Hofmark um Haag sagt uns nicht, woher sie stammt und wie sie entstand. Als Werk Heinrichs II. steht sie vor uns da, umfangreich und bedeutend, und wir erkennen nur die Früchte der in ihrem Rahmen geleisteten Kulturarbeit.

Rodung des Ennswaldes

Diese Kulturarbeit zeigt sich in zweifacher Hinsicht an: zunächst einmal durch die Tatsache, dass in wenigen Jahrzehnten aus der Haager Mutterpfarre eine Reihe von Tochterpfarreien entstand. Diesbezüglich sei auf das nächste Kapitel verwiesen. Zweitens musste aber gleich im ersten Jahrhundert in der bestehenden Hofmark sehr viel gerodet worden sein, viele neue Häuser mussten entstanden sein, von fruchttragenden Äckern umwoben. Aus diesem Grunde konnte um 1128 eine stattliche Zahl von Höfen, teilweise am Rande des Salaberger Waldes gelegen, aus dem Verband des hochstiftlich-bambergischen Güterbereiches genommen, und zur Bestiftung des Klosters Gleink verwendet werden. Diese erste ausschlaggebende Verkleinerung der Hofmark Haag erfolgte anlässlich der Gründung des Benediktinerklosters Gleink bei Steyr im Jahre 1128 durch Otto I. von Bamberg, den heiligen Bischof. Was dem neuen Kloster in seinen ersten fünfzig Lebensjahren alles aus dem Haager Gebiet geschenkt wurde, erfahren wir in einer Bestätigungsurkunde, die Bischof Otto II. von Bamberg für das Kloster Gleink am 24. 4. 1178 hat ausstellen lassen.

Gleinker Besitz

Es war dies kein geschlosseneer Besitz, wohl aber lassen sich drei Gruppen von benachbarten Gehöften neben einigem Streubesitz erkennen; die größte lag westlich und südwestlich der heutigen Stadt Haag und umfasste je zwei Bauerngüter „im Graben" (heute Grabner) und Werckgadem (heute Werkgarn), drei Güter in Keppeldorf und sechs in Richersdorf. Zwei weitere Höfe lagen noch näher an Gleink, westlich der Erla, nämlich „Silbermuel" bei Weinzierl und „Hausleiten" ganz nahe dem Kloster Gleink.

Die zweite Gruppe von Bauerngütern bestand aus fünf Höfen in Windischdorf und zwei Höfen in Zaucha, dem Zauchhof wie dem Murschenhof. Diese kurze Notiz sagt unendlich viel: Wir treffen wieder auf Winnersdorf, das 1002 von Kaiser Heinrich II. auf Pilgrim und von ihm auf Bamberg und nun an Gleink überging.

Eine dritte Gehöftegruppe, die Gleink erhalten hatte, liegt in der Katastralgemeinde Gstetten, östlich der Westbahn: drei Höfe in Reut (heute Neureit) und zwei in Ziegelöd (urkundlich „Zugesode"). Außerdem besaß nach der vorgenannten Bestätigung von 1178 das Kloster Gleink noch zwei Höfe „an dem Maierhof", je zwei Höfe in Dehendorf (Gemeinde St. Johann in Engstetten) und in Straß wie zwei Bauerngüter in Kirchwege (vermutlich neben Weydach, in der Gemeinde Wolfsbach).

Ferner bestätigte Bischof Otto II. gleichzeitig eine Schenkung Arnhelms von Volkensdorf an das Kloster Gleink: sie betrifft drei Höfe in „Crebesbach circa heimberge" (Kroisboden, Katastralgemeinde Heimberg), die ehedem bischöflich-bambergisches Lehen waren, ebenso zwei in Dürrenperge (Dirnberg bei Goldstein), das Zaunergut bei Goldstein wie sechs Güter im Tale, die seit dem Bestehen der Pfarre Haag zu ihr gehörten. Sie heißen dem letzten Gleinker Grundbuch zufolge: Leherbauer, Ober-und Unterwieder, bis 1848 auch Winden genannt, das Dürnbergergut, das Talbauerngut, die Wehrhub und das Schamlosbauergut in Hainberg, das 1308 Schammayr genannt wurde.

Neben diesem weitgehenden und tiefen Einblick in die Verhältnisse der Hofmark bietet uns die Urkunde von 1178 noch weitere Neuigkeiten: das Gebiet wird urkundlich erstmals „Hofmark Haag" genannt und unter den Zeugen des feierlichen Aktes werden die Ritter und Ministerialen unserer Hofmark namentlich angeführt; es sind die Geschlechter von Wiesenbach, von Haag und Hagwalde vertreten.

Aus wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Gründen war nun Gleink gezwungen, die erhaltenen Güter im Pfarrsprengel von Haag zu einer Einheit zusammenzufassen. Die neugeschaffene Verwaltungseinheit führte den Namen Gleinker Amt in Haag; ihm stand ein Amtmann vor, der ein treu ergebener bäuerlicher Hintersasse des Klosters war. Der urkundliche Nachweis eines solchen Gleinker Amtes stammt aus dem Jahre 1308.22 Unterteilungen eines Herrschaftsgebietes in einzelne, Ämter waren damals in Österreich allgemein gebräuchlich und blieben es auch, bis zur Aufhebung der Grundherrschaften im Jahre 1848.

Grenzen der Haager Hofmark

Eine genaue Abgrenzung des Herrschaftsgebietes und seine Unterteilung in Ämter war aber nicht bloß aus verwaltungstechnischen Gründen notwendig, sondern diente auch dazu, künftige Besitzstreitigkeiten mit den Nachbarn zu vermeiden. Ein solcher benachbarter Grundherr war z. B. der Markgraf von Steiermark (ab 1180 Herzog), dessen Herrschaft Steyr mit dem Amte Pfriemreit, Ramingtal wie Behamberg und Kirnberg umfassend, die bambergische Hofmark im Süden und Südwesten abgrenzte. Die hier verlaufende Grenze zwischen Bamberger Besitz und dem der steirischen Ottokare war gleichzeitig auch Landesgrenze zwischen der Mark Osterreich und der damaligen Steiermark, die dem Kärntner Herzog unterstand; sie wird deshalb auch oft Karinthscheide (Kärntner Scheide) genannt. Kürnberg, Pfnurrenreuth, die Rotten Großberg (Gemeinde Kürnberg), Rauchegg (Gemeinde Dorf Sankt Peter) und Egg (ebenda) lagen schon jenseits dieser Scheide.

Im Südwesten trifft die Haager Hofmark mit Steinbach, das schon vor 1150 als Sitz der Steinbach bestand, und Tröstelberg gleichfalls auf Ritterlehen der steirischen Markgrafen. Zwischen Erla und Enns stieß sie damals überall auf Gleinker und Garstener Grund, teilweise auch wieder auf Besitzrechte der steirischen Markgrafen, die sie aus ihrer Vogtei über Garsten ableiten. Im unteren Erlatal, wo sich damals die Rittersitze Wasen und Altenhofen erhoben, lag Boden des österreichischen Landesfürsten und das Herrschaftsgebiet des Nonnenklosters Erla, das viel Besitz der ehemaligen Herren von Machland vereinigte. Erla wurde als Benediktinerinnen-Stiftung im Jahre 1050 von Otto von Machland gegründet und hatte das Patronatsrecht über die Pfarre St. Valentin.

Der nördliche Nachbar war durchwegs regernsee mit seinen Strengberger Besitzungen. Die Grenze verlief hier vom Bauerngute Sündhub an bis zum Engelbach in die Nähe des Gehöftes Hub, das dem Erlakloster unterstand. Hier befanden sich um 1200 zur Grenzverteidigung der Haager Hofmark die Ritter von Stirbenze, deren Name uns heute nur mehr im Maier zu Stiebitzhof und im Stiebitzhofe selbst erhalten ist. Das Rittergeschlecht, das am Henning saß und sich de Henning nannte, dürfte hingegen bereits Tegernsee unterstanden haben; war ja doch der hier verlaufene Engelbach die Scheide zwischen Bambergisch und Tegernseeisch; weiter ostwärts ist Pfarrgrenze gleich Herrschaftsgrenze. Im Osten waren der Passauer Bischof und dann seit 1116 immer mehr das Kloster von Seitenstetten, im Südosten die dem österreichischen Landesfürsten dienenden „de Url" die Nachbarn.

Aber gerade die Ostgrenze der bambergischen Hofmark Haag läßt sich nicht genau angeben. Selbst im 12. Jahrhundert dürfte sie offenbar gar nicht genau festgelegt gewesen sein. Daher musste der Passauer Bischof Diepold einen Besitzstreit zwischen dem Bamberger Bischof Otto II. und dem Abt und Kloster Seitenstetten schlichten. Er entschied zu Gunsten des Klosters, das die umstrittenen Güter schon mehr als 30 Jahre unangefochten hatte; wo sie lagen, wird uns leider nicht gesagt.

Waldrodung zwischen 1002 und 1178

Wenn wir abschließend noch einmal einen Blick auf die zwei wichtigsten Urkunden unserer Hofmark im 11. und 12. Jahrhundert werfen wollen, dann tun wir es in einer ganz besonderen Absicht: Die Urkunde aus dem Jahre 1002 berichtet uns von Winesdorf und 100 Mansen Waldes. Die Gleinker Güterbestätigung aus dem Jahre 1178 weiß schon von vielen Bauernhöfen an der Waldrandzone zu erzählen, in Windischdorf allein von fünf, in Richersdorf gar von sechs Höfen. Wir sehen daraus, dass binnen 170 Jahren oder innerhalb von fünf Generationen dem Walde eine stattliche Zahl von neuen Höfen mit den dazugehörenden Feldern und Wiesen abgewonnen wurde. Hier blicken wir, wie durch einen schmalen Spalt, auf den unendlichen Fleiß und die große Plage längst vergangener Jahrhunderte. Die Gebeine derer, die sich da so geschunden haben, damit Kinder und Enkel und spätere Geschlechter das tägliche Brot müheloser essen können, sind längst im alten, nun aufgelassenen Friedhof um Haags Kirche verfault und kein Lied meldet den Ruhm dieser unbekannten Helden des bäuerlichen Alltags.