Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

Vom Revolutionsjahr bis zur Ersten Republik

Eine weitere Wandlung zum Besseren brachte das Jahr 1848: die Aufhebung der Grundherrschaften und das Selbständigwerden der Gemeinden waren zwei der sicht­barsten Maßnahmen für die eingeleitete Neuorganisa­tion des Staates.

In der Regierungszeit von Kaiser Franz Joseph I. war Haag von einer sehr regen Bautätigkeit gekennzeichnet. Die öffentlichen Bauten wie zum Beispiel die Volks­schule, das Rathaus, das Jubiläums-Versorgungshaus mit Lourdeskapelle, das Bezirksgerichtsgebäude, die Er­höhung des Kirchturmes auf 63,5 m und die baulichen Veränderungen rings um die Pfarrkirche, gaben dem Ort innerhalb einer Generation ein ganz neues Aussehen. Auch der Bau der Westbahn, der für Haag neben einer Station auch eine Haltestelle (1878) brachte, förderte das Wirtschaftsleben und gab dem Bezirksort weiteren Auftrieb. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese Ent­wicklung jäh. Die Folgen des Krieges wirkten sich meh­rere Jahre in Haag spürbar aus.

Im Jahre 1921 etablierte sich in Haag eine Sesselfabrik (Firma Perker), die zu großen Hoffnungen berechtigte. Schon 1925 waren in dieser Fabrik ca. einhundert Dienstnehmer beschäftigt. Die Leistung der Fabrik, die einen Kessel mit 80 Pferdekräften in Betrieb hatte, war nicht gering. Es wurden täglich zehn Festmeter Holz verarbeitet und daraus durchschnittlich 150 Sessel er­zeugt. Leider ging das Unternehmen bald durch die Kri­senzeit zugrunde. Der Sturz des französischen Franken, der auch in Österreich großes Unheil angerichtet hatte, war verantwortlich für die wirtschaftliche Krise und machte über hundert Personen (Frauen und Männer) brotlos.

Anders erging es der seit 1899 bestehenden Ziegelfabrik der Firma Michael Gruber. Sie hatte all die Wirrnisse gut überstanden und konnte selbst in Krisenzeiten durchschnittlich fünfzig Arbeiter beschäftigen. Die wö­chentliche Ziegelerzeugung lag um 1930 bei 60.000 Stück. Heute liefert der Ofen täglich dieselbe Ziegelmen­ge (Normalformat). Die jährliche Ziegelerzeugung lässt

damit rund 400 bis 500 Einfamilienhäuser mittlerer Größe erstehen. Die Zeit steht nicht still, sie nimmt ih­ren unaufhaltsamen Lauf. Es kam noch einmal eine Notzeit, die durch eine Kriegswirtschaft übertüncht und mit epochalen Umwälzungen beendet wurde. Die Struk­tur und Lebensgewohnheiten in der gewerblichen Wirt­schaft haben sich gewaltig geändert.

Technisierung und Marktforschung setzen ein. Das Pferd wird vom Traktor ersetzt. Das schöpferische Schmiede-, Wagner-, Sattler-, Binder- und andere Handwerke auch müssen sich umstellen und den neuen Bedürfnissen anpassen.

Die Zahl der gesamtösterreichischen gewerblichen Un­ternehmer verminderte sich zahlenmäßig sehr. Seit Kriegsende (1945) bis heute nahezu um ein Sechstel, von 320.000 auf nicht ganz 270.000. Laut neuester Statistik ist nach dem Überwinden einer Krise von ungefähr 30 Jahren nun wieder ein leicht spürbares Ansteigen fest­stellbar.

Nicht alle Ursachen sind auf das Konto „Maschinen-und Computer-Zeit" zu buchen. Vielmehr spielt die Denkweise eine nicht zu unterschätzende Rolle. Man ist nicht mehr bereit, soviel Risiko auf sich zu nehmen wie ehedem. Die Geborgenheit, Bequemlichkeit und Sicher­heit des sozial vielfältig umsorgten unselbständigen Staatsbürgers als Arbeitnehmer wird vorgezogen. Die Stadt Haag bietet erstaunlicherweise eine rühmliche Ausnahme. In den letzten fünfzig Jahren ist die Zahl der gewerblichen Betriebe mit 126 bereits unverändert gleichgeblieben. Es zeigt sich folgendes Bild:

Gewerbe

62

Industrie

4

Handel

39

Geld- und Versicherungswesen

5

Verkehr

3

Fremdenverkehr

15

128 Die Nachkommensgesinnung der Haager Geschäftswelt erscheint verantwortungsbewußt. Die nachrückenden Generationen haben im Wechsel der Ablösefolge das Vätererbe zeitgemäß und traditionsgetreu weiterentwickelt. Sie begnügen sich nicht, die Errungenschaften des Wohlstandes beschaulich zu genießen; sie stehen leistungsbewußt und staatsbejahend im täglichen Existenz­kampf.

Gesellschaftsbewußt geben sie das Beispiel der Vorgeneration der Nachwelt weiter.

Söhne von Handwerksmeistern und Handelsherren er­richteten Fertigungsstätten neuzeitlichen geschmackvol­len Bekleidungsbedarfes für Freizeit und Sport. So hat das Schneidergewerbe Tradition. Die im Mittelalter exi­stenten Gewandhäuser finden in modernen Betriebsstät­ten ihren Fortbestand.

Der Berufsnachwuchs präsentierte vor siebzig Jahren (1912) eine preisgekrönte Lehrlingsarbeiten-Schaustel­lung, von der heute noch sehenswerte Fotos zeugen.