Haus-Chroniken von Haag

Nach Katastralgemeinden - von damals bis heute

Der bäuerliche Arbeitstag

Der Bauer mit einer Hofgröße ab zirka 20 ha war lange nicht so von persönlich zu leistender Arbeit bean­sprucht, als etwa sein Nachbar mit der Hälfte dieses Grundausmaßes. Die Besitzer größerer Wirtschaften wurden vereinzelt mit „Herr" anstatt mit „Veda"' (= Vetter) angesprochen und waren im Sozialstatus unge­fähr den Inhabern mittlerer Gewerbebetriebe gleichzu­setzen.

Der damalige Kinderreichtum und das Oberangebot an hausfremden Arbeitskräften erlaubte den größeren Bau­ern zu bestimmten Jahreszeiten einen gemütlicheren Ta­gesablauf. Dagegen gab es für die Ehefrauen dieser Bau­ern wenig ähnliche Ruhepausen. Ihre tägliche Arbeits­zeit war oft länger, als die ihrer Dienstboten. Dieser für die Frau des Hauses erschwerende Umstand leitet sich von der einstigen patriarchalischen Hausordnung ab, wonach den Arbeitsgebieten der Männer in der Regel größere Bedeutung beigemessen und daher mehr Ar­beitshilfen beigestellt wurden.

Bei kleineren Wirtschaften kannte man diese Unter­schiede weniger; hier wurde das partnerschaftliche Mo­dell durchwegs praktiziert, das heißt, dass der Ehemann damals schon weibliche Arbeiten wie etwa Tierfütte­rung, Entmistung etc. verrichtete. Auch bei den Feldar­beiten war ein ideales Zusammenarbeiten üblich. Das gegenseitige Beistehen hat sich inzwischen überall durchgesetzt und verbesserte wesentlich die Situation der Bäuerin.

In den dreißiger Jahren war die Miteinbeziehung der Kinder zu landwirtschaftlichen Arbeiten gang und gäbe, sie waren in vielen Fällen eine wertvolle Stütze zur Be­wältigung mancher Arbeitstage. Neben der Mithilfe bei der Futterzubereitung und bei der Tierhaltung konnte man den zwölf- bis vierzehnjährigen Schülern auch bei Feld- und Erntearbeiten begegnen. Dies besonders dort, wo es an Dienstpersonal mangelte. Das Interesse für manuelle Leistungen wurde schon in früher Schulzeit ge­weckt — besonders dadurch, weil man die Bauernarbeit stark idealisierte — und so entstand eine sehr persönlich bejahende Einstellung zur frühen Mitarbeit am Hof.

Der Arbeitstag begann am frühen Morgen (zwischen 4 und 5 Uhr im Sommer, im Winter zwischen 5 und 6 Uhr) mit den Arbeiten im Stall, da jede Wirtschaft die Nutz- und Zugtierhaltung pflegte. Besonderes Augen­merk legte man auf eine ertragreiche Milchgewinnung und Schweinehaltung.

Das tägliche Futtermähen mit der Sense — von Mai bis November — war Mannesarbeit und erfolgte zur selben Zeit, als das Stallpersonal (Stalldirn, Schweizerin oder Schweizer, Saudirn und Roßknecht) die Tiere betreute. Nach dem „Heimführen" des Grünfutters, das bei mitt­leren und größeren Wirtschaften der Pferdeknecht mit weiteren Hausleuten besorgte, — auch der Bauer selbst half hier in der Regel mit — war der erste bedeutende Ta­gesabschnitt abgeschlossen und man setzte sich zum wohlverdienten Frühstück. Sehr gebräuchlich war am Morgen die Brotsuppe, teils auch die Rahm- bzw. die „Sto(ß)suppn", aber auch eine Schüssel Kaffee mit ein­gebröckeltem Brot kannte man in vielen Häusern.

Infolge der heutigen Landtechnik und den Spezialisie­rungen in der Tierhaltung gestalten sich manche Ar­beitsabläufe anders. Für die Stallarbeit brachten die Melkmaschinen und die automatischen Entmistungsanlagen spürbare Arbeitserleichterungen. Auch in der Fut­terzubereitung traten durch die Gärfutterbehälter — man kannte sie bereits vor dem Zweiten Weltkrieg — gewal­tige Umstellungen ein. Das Mähen des Grünfutters und das Häckseln von Hackfrüchten erfolgt überall maschi­nell: dies bewirkte eine Verringerung von Arbeitskräf­ten.

Der weitere Tagesverlauf war nach Jahreszeit saisonbe­dingt und verlief innerhalb eines Jahres unterschiedlich. Die allseits beliebte „Halbmittagsjause" mit dem Speck oder dem gekochten Geselchten, mit Kartoffeln, Brot und Most sowie mit Topfen, Butter, Eiern und Molke­reiprodukten an Fasttagen, blieb in diesen fünfzig Jah­ren stets das unumstößliche Jausengericht.

Das Mittagessen — die Hauptmahlzeit des Tages — wurde inzwischen abwechslungsreicher. Seinerzeit bevorzugte man für den Mittagstisch überwiegend hauseigene Pro­dukte. Vorrangig waren die kräftigen Fleischspeisen mit dem eigenen Gemüse. Während der gemüsearmen Zeit wurden als Beilage das Sauerkraut und die eingesäuer­ten Rüben serviert. Der Speisezettel kannte auch eine Auswahl von Mehlspeisen, worunter die verschiedenen ausgezogenen Strudelarten (Mostviertler Apfelstrudel und die Kirschen- und Zwetschenstrudel) beliebt waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich der Haushalt mit dem Bäckerbrot vertraut und man nahm rasch Ab­schied vom hausgebackenen Schwarzbrot.

Während man früher nur in der kalten Jahreszeit Frisch­fleischspeisen kannte, hat man durch die heutigen Kühl­geräte auch im Sommer die Möglichkeit, Tiere (vor allem Schweine) zu schlachten und so laufend Frisch­fleisch zuzubereiten.

Das Melken in der Mittagszeit war neben einer norma­len Fütterung der Rinder und Schweine seinerzeit durchwegs gebräuchlich. Heute werden die Kühe nur morgens und abends gemolken; auch die Mittagsfütte­rung entfällt bei diesen Tieren. So reduzierte sich die Ar­beit auf zwei Mahlzeiten. Dies stellt eine spürbare Entla­stung zugunsten des weiblichen Hauspersonals dar.

Während der Winterszeit war der Tag vorwiegend mit der Holzbringung (Holzschneiden, -klieben und -schlichten), der Tierfutterzubereitung (Futterschnei­den, Rüben- und Kartoffeldämpfen u. ä. m.) für Rinder, Pferde und Schweine, teils mit der Flachsverarbeitung und der Schaubstroherzeugung ausgefüllt. Weiters musste vieles, was zur Erhaltung des Hausrates gehörte, wäh­rend des Winters angefertigt bzw. repariert werden. Hie-zu zählte zum Beispiel auch das Besenbinden und das Simperlflechten.

Die Nachmittagsarbeit, selbst an Erntetagen, wurde durch die Nachmittagsjause zwischen 15 und 16 Uhr, die in der Regel aus denselben Speisearten wie die Vor­mittagsjause bestand — eventuell zusätzlich mit einem Häferl Kaffee —, für eine Viertelstunde unterbrochen. Abends, zwischen 19 und 20 Uhr, gab's nur mehr leich­tere Kost, wie das beliebte Grießkoch, im Herbst das Apfel- und Zwetschkenkoch, weiters die verschiedenen Einbrennsuppen und andere suppenähnliche Speisen. Heute wird durchwegs die Nachmittagsjause unmittel­bar vor der abendlichen Tierfütterung eingenommen und dient meistens auch als Abendessen.